Wien. "Servas, mei Obmann!" Ehe es sich Roman Zeisel versieht, bekommt er auch schon ein dickes Busserl auf die Wange gedrückt. Die Begrüßung zwischen dem Vereinschef des SC Viktoria Wien und seinem Trainer fällt kurz, aber dafür umso herzlicher aus. Ja, so ist er, der Toni Polster. Freundlich - fast überschwänglich freundlich. Zeisel muss lächeln. Für ihn ist der ehemalige Fußball-Star nicht nur eine Legende, sondern vor allem ein Vorbild. "Er hat auch einmal ganz unten angefangen und alles erreicht", sagt er. Dass "der Toni" 2011 ausgerechnet beim damaligen Fünftligisten Viktoria angeheuert hat, bezeichnet er heute als Glücksgriff. "Der Toni Polster ist uns einfach passiert."

Zahlreiche Schaulustige verfolgen derzeit das Geschehen bei der Wiener Viktoria. - © Christoph Rella
Zahlreiche Schaulustige verfolgen derzeit das Geschehen bei der Wiener Viktoria. - © Christoph Rella

Zeisel blickt auf die Uhr. Es ist 15:23 Uhr. In etwas mehr als einer halben Stunde wird das Viktoria-Team hier, auf dem Heimplatz in Wien-Meidling, bei schönstem Kaiserwetter auf den Bundesliga-Absteiger SV Kapfenberg treffen. Die Plätze entlang des Kunstrasens sind bereits gut gefüllt. Die Stimmung ist ausgelassen, aus den Boxen schallt der Falco-Hit "Junge Römer", die Mitarbeiter in der Kantine kommen mit dem Bierzapfen kaum nach. Zeisel schätzt die Zahl der Fans auf 700. Schließlich geht es um etwas: Den Einzug ins ÖFB-Cup-Achtelfinale - und die Chancen für den Wiener "Kultklub mit Engagement", wie er sich selbst bezeichnet, stehen laut Eigeneinschätzung nicht schlecht.

"Wir geben Halt"

Allerdings ganz glücklich mit der Marke "Kultklub" ist man im Verein nicht. Weil sich eben "Kult" nicht nur schwer definieren, sondern auch schwer verordnen lässt. "Aber darum geht es auch gar nicht", wird Zeisel nach einer erfolgreichen ersten Spielhälfte - die Viktorianer führen zu dem Zeitpunkt 2:0 - sagen. "Unser Ziel ist es, für die Menschen zweiter Klasse was zu tun. Mit sozialem Engagement eben."

Tatsächlich scheint sich bei der Viktoria nicht alles nur um den Ball zu drehen, wie die zahlreichen Sozialprojekte des Vereins beweisen: Dazu zählt der tägliche Ausschank von Suppe an Bedürftige genauso wie das Umfunktionieren der Mannschaftskabinen in Obdachlosen-Winterquartiere. Hinzu kommen günstige Deutschkurse für Migranten sowie Maßnahmen zur Drogen- und Gewaltprävention. Bei den Fans kommt dieses Konzept auf jeden Fall gut an. Was für sie die Viktoria bedeutet? "Die Viktoria steht sicher für eine linke Ideologie", meint ein Zuseher, der sich gemeinsam mit einem Freund einen Platz im Schatten des Vordaches gesichert hat. "Schauen Sie sich die Leute an, die hier sind. Egal ob Bankdirektor oder Arbeitsloser, sie kommen alle her, um ihre Mannschaft spielen zu sehen."