Rio de Janeiro. (art) Es ist nicht gerade eines der einfachsten Dinge, als Fußballtrainer in Brasilien gefeiert zu werden. Nichts Geringeres als der WM-Titel zählt, manchmal ist nicht einmal der gut genug. Jedes Training, jede Aufstellung wird kritisch beäugt. Und wenn es heißt, Österreich habe 8 Millionen Teamchefs, dann hat Brasilien wohl 192 Millionen.

Seit Donnerstag hat Brasilien jetzt einen, der diesen Titel auch offiziell führt. Er heißt Felipe Scolari und soll die Seleção in eineinhalb Jahren nicht nur zur WM im eigenen Land, sondern selbstverständlich auch zur Hexa, dem sechsten Titel, führen. Als Koordinator steht ihm Carlos Alberto Parreira, Weltmeistertrainer von 1994, zur Seite. Von dem einstigen Fußballstar und jetzigen Politiker Romário, der seit der Vergabe des Großereignisses an seine Heimat zunehmend Gefallen an der Rolle als Stimme des Gewissens gefunden hat, wird die Entscheidung des Verbandes CBF bejubelt: "Gottseidank haben diese Inkompetenten beim CBF eine gute Lösung gefunden", twitterte er unmittelbar nach Bekanntwerden eines Treffens Scolaris mit der Verbandsspitze. Er sei sicher, dass sich die Fehler, die unter dem vor einer Woche entlassenen Vorgänger Mano Menezes passiert seien, nun nicht wiederholen würden.

Es sind ungewöhnlich frenetische Töne, bedenkt man die sonstige Kritikfreudigkeit Romários und die Tatsache, dass Scolari zuletzt mit dem Traditionsklub Palmeiras São Paulo - mittlerweile aus der ersten Liga abgestiegen - nicht eben erfolgreich war. Aber es ist halt immer eine Frage der Perspektive. Und der Alternative.

Fifa drängte auf Entschluss

Brasilien braucht dringend einen Teamchef, und auf ausdrücklichen Wunsch des Weltverbandes Fifa sollte dieser noch vor der am Samstag erfolgenden Auslosung zum Confederations Cup 2013, der sportlich wie organisatorisch als Generalprobe für den Hauptakt gilt, feststehen. Doch das Anforderungsprofil war nicht gerade weit gefasst: Ein Brasilianer sollte es sein, weshalb sogar die Bewerbung des einstigen Barcelona-Erfolgstrainers Pep Guardiola abgeschmettert wurde, einer mit Erfahrung, mit einem gewissen Namen und Glaubwürdigkeit. Scolari schien da die beste Lösung - auch wenn seine großen Erfolge lange zurückliegen.

Doch gerade diese Vergangenheit ist es, die man nun beschwört. Vor genau zehn Jahren führte er die Seleção zum bisher letzten ihrer fünf WM-Titel. Es war eine Überraschung, war die Mannschaft doch davor ein Schatten ihrer selbst gewesen und zwischenzeitlich sogar in Gefahr gewesen, nicht einmal die Qualifikation zu schaffen. Doch nicht einmal da fühlte sich Scolari, der für dieses Weltmeisterstück auch zum Welttrainer des Jahres gewählt wurde, in seiner Heimat gebührend gefeiert. Kurz nach der WM trat er von seinem Amt zurück - in Brasilien sei der Druck seitens Fans, Medien und Verband zu groß, soll er damals gemeint haben. Der wird nun nicht geringer werden.

Kritik an Menezes

Brasilien hat seinen Status als ballestrische Allmacht längst verloren, gemessen daran war die Bilanz unter Menezes gar nicht so schlecht. Er hat wie gefordert ein junges Team rund um den Hoffnungsträger Neymar aufgebaut und mit ihm immerhin 27 von 40 Spielen bei 7 Niederlagen gewonnen. Zuletzt ging auch der Vergleich mit dem Erzrivalen Argentinien im Superclásico de las Américas an die Brasilianer.

Genügt hat das nicht. Seit die Mannschaft in London - wieder einmal - Olympia-Gold verpasste, wuchs die Kritik an Menezes’ Arbeit. Natürlich hatte auch Romário etwas dazu zu sagen, er sprach dem Ex-Trainer gleich einmal Intelligenz und Anstand ab. So lebt es sich eben als Teamchef in Brasilien. Felipe Scolari kann sich schon einmal darauf einstellen.