Madrid. (art) Radamel Falcao weiß, worauf es wirklich ankommt: "Die Saison vor Real Madrid, unserem Hauptrivalen, zu beenden, wäre für jeden von uns große Bedeutung", sagt der kolumbianische Stürmer von Atlético Madrid. Er sagt nicht: Wir wollen den FC Barcelona überholen, das klänge dann doch etwas vermessen angesichts der Dominanz der bisher in der spanischen Primera División ungeschlagenen Katalanen. Dabei ist es ein gar nicht so ausgeschlossenes Szenario, wie es das in den vergangenen Saisonen war: Nach 13 Runden liegt Atlético als erster Verfolger nur drei Punkte hinter Barça. Aber der Hauptgegner, das ist natürlich der Lokalrivale, der acht Punkte dahinter den dritten Platz innehat. Mit einem Sieg im direkten Duell am Samstag (22 Uhr) könnte Atlético weiter davonziehen. "Das Derby wird sehr intensiv", sagt Falcao.

Gewiss, das sagt man immer, nicht nur - wie diesmal aufgrund der Ausgangslage - in sportlicher, sondern vor allem in emotionaler Hinsicht. Die Floskel vom "besonderen Spiel" ist schließlich in Bezug auf alle Derbys dieser Welt unauslöschbar im Trainer- und Spielersprachgebrauch festgeschrieben. Das Derbi Madrileño bezieht seinen Reiz vor allem aus den historischen sozialen Unterschieden: Während Real Madrid schon im Vereinsnamen mit Stolz auf seine adeligen Wurzeln verweist, von Angehörigen der Ober- und Mittelschicht gegründet wurde und im nobleren Norden, direkt an der Geschäftsstraße La Castellana, angesiedelt ist, gilt Atlético als klassischer Arbeiterverein. Dazu passt schließlich auch der Spitzname des Vereins: "Colchoneros" - "Matratzenmacher". Breiten Zuspruch haben diese vor allem im ärmeren Süden der Hauptstadt, auch viele lateinamerikanische Migranten identifizieren sich mit Atlético.

Erfolgsbringer Simeone


Freilich ist das mit der rebellischen Gesinnung gegenüber den Obrigkeiten geschichtlich nicht einwandfrei belegbar. Schließlich galt der 1903 - eigentlich als Dependance des baskischen Athletic Bilbao - gegründete Klub nach dem Bürgerkrieg als Lieblingsverein von Francisco Franco, ehe der wegen der größeren Erfolge seine Affinität zu Real entdeckte.

Während sich dieses seit damals zumindest national stets im Spitzenfeld hielt, erlebte Atlético turbulente Zeiten. Zugute stehen auf nationaler Ebene immerhin insgesamt neun Meistertitel, darunter jener unter dem österreichischen Trainer Max Merkel 1973 und der bisher letzte 1996, auf der Negativseite der Abstieg 2000 und die Probleme mit dem halbseidenen Ex-Präsidenten Jesús Gil y Gil, dessen Familie die Geschicke Atléticos jahrzehntelang nicht immer unter Applaus der Fans lenkte.

Doch diese Schwierigkeiten scheinen vergessen, und so hat das Derby diesmal auch sportliche Brisanz. Experten trauen Atlético den ersten Sieg seit 13 Jahren zu, manche sogar mehr. Das Team habe "ohne Frage" das Potenzial, den Titel zu gewinnen, meint Barcelona-Verteidiger Gerard Piqué. Verantwortlich dafür sind auf den ersten Blick vor allem die Tore Falcaos, der im Sommer 2011 für 40 Millionen Euro geholt worden ist, und Trainer Diego Simeone. Der 42-jährige Argentinier hat das Amt erst seit einem Jahr inne und Atlético zum Europa-League-Triumph geführt. "Seit seiner Ankunft hat sich der Geist in der Mannschaft verändert", sagt Falcao. Ein bisschen so, als hätte man nun etwas von jener Siegermentalität, die der Hauptrivale Real seit jeher mit Stolz vor sich herträgt. Es müssen ja nicht nur die Unterschiede sein, auf die es ankommt.