Gelsenkirchen. (art) Als er am Sonntag um dreiviertel acht ins Büro von Manager Horst Heldt zitiert wurde, habe er gewusst, dass seine Amtszeit als Trainer von Schalke 04 in diesen Minuten enden würde. "Denn normalerweise ist er nie so früh auf der Anlage", erzählte Huub Stevens dem niederländischen Magazin "Voetbal International".

Der 59-Jährige kennt die Gepflogenheiten auf Schalke und das bisweilen ebenso komplexbehaftete wie komplexe Innenleben des Vereins. Er hat die Königsblauen schon einmal, von 1996 bis 2002, trainiert, wurde mit ihnen Uefa-Cup-Sieger und ob dieser Erfolge von den Fans zum Schalker "Jahrhunderttrainer" gewählt. Als er die Mannschaft im September 2011 von dem an Burn-out leidenden nunmehrigen Red-Bull-Sportdirektor Ralf Rangnick übernahm, tat er das eigenen Angaben nach auch, "weil ich ein bisschen Fan dieses Vereins" bin. Und sein Konterfei prangt im Legendenklub der Veltins-Arena, versehen mit dem Zitat "Einmal Schalke, immer Schalke". Weil im Fußball aber "Immer" eine utopische Zeitspanne ist und die branchenüblichen Mechanismen auch vor einer Klub-Legende nicht Halt machen, musste Stevens seinen Spind eben an jenem Sonntag räumen.

Stark begonnen, stark nachgelassen

Das 1:3 gegen Freiburg am Abend davor, bei dem die Mannschaft mit ÖFB-Teamkapitän Christian Fuchs Auflösungstendenzen erkennen ließ, war zu viel. Es war schon das sechste sieglose Ligaspiel hintereinander, und es ließ die Gelsenkirchener in der Tabelle auf Rang sieben abrutschen. Doch es war nicht dieses punktuelle Ereignis, das in den Klubverantwortlichen die Erkenntnis reifen ließ, dass Stevens, der mit seiner knorrigen Art perfekt zum eher herben Ruhrpott-Charme passte, eben doch nicht mehr der perfekte Mann sei, um dem Klub zu helfen. Vielmehr sprach Heldt von einem "schleichenden Prozess", der sich seit etwa einem Monat abgezeichnet hatte. "Irgendwas hat zwischen Mannschaft und Trainer nicht mehr gestimmt", meinte Klubchef Clemens Tönnies - nicht ohne noch einmal auf die Meriten Stevens’ hinzuweisen. So viel Zeit muss dann doch sein.

Tatsächlich hat der Ex-Salzburg-Trainer in Gelsenkirchen einiges bewegt, nicht nur damals, während seiner ersten Amtszeit. Er hatte die seit jeher schwer trainierbaren Schalker im vergangenen Jahr auf Platz drei der Tabelle, damit in die Champions League und dort mit dem Gruppensieg souverän ins Achtelfinale geführt. In der Liga legte die Mannschaft, die sich als Einheit wie selten präsentierte, den besten Start seit 41 Jahren hin.

Doch dann setzte irgendwann der Selbstzerstörungsmechanismus ein, den die leidgeprüften Fans schon kennen. Denn die Erkenntnis Christoph Metzelders, "wir haben zerstört, was wir uns aufgebaut hatten", ist nicht nur eine profunde Analyse des Status quo, sie steht auch sinnbildlich für die Historie des Vereins, bei dem Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinanderklaffen und mit viel Talent bisweilen verschwenderisch umgegangen wird. Und nun soll ausgerechnet ein Mann diesem Trend entgegenwirken, der bisher kaum auf der großen Bühne in Erscheinung getreten ist: Jens Keller, davor U17-Betreuer, übernimmt die schwierige Aufgabe, der Mannschaft wieder zur Homogenität zu verhelfen, das Cup-Achtelfinale am Dienstag gegen Mainz (19 Uhr) wird seine erste Bewährungsprobe.

Bis zum Sommer - vorerst - darf er sich als Cheftrainer versuchen. Es ist seine zweite diesbezügliche Chance: Im Herbst 2010 ist er für einige Monate als Stuttgart-Trainer eingesprungen. Nachdem das Experiment nicht sonderlich geglückt war, trat er in die zweite Reihe zurück, er selbst sagt, er hätte nicht geglaubt, so bald wieder auf dem Chefsessel einer Bundesliga-Mannschaft zu sitzen. Zumindest die Selbstzweifel passen zu Schalke, auch wenn Heldt und Tönnies sich in (Zwangs-)Optimismus üben. Er habe "großes Vertrauen", dass Keller das hinbekomme, meint Heldt. Tönnies wiederum ist "felsenfest überzeugt", mit dem auf diesem Niveau unerfahrenen Trainer die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Man darf gespannt sein, wie lange sich diese Überzeugung hält. Schließlich gesteht auch Heldt ein, es sei doch "normal, dass wir in der jetzigen Situation kurzfristig denken". Doch auch das gehört irgendwie zu den Schalker Usancen.