Rio de Janiero. (rel/apa) In Brasilien zählen rote Ampeln nicht so richtig. Denn wer auf offener Straße stehen bleibt, hat schon verloren - und blickt mitunter in den Lauf einer Handfeuerwaffe. Weswegen auch die meisten Großstädter stets kleinere Geldmengen in bar griffbereit mit sich führen. Ist der Gauner mit der angebotenen Summe zufrieden, lässt er auch schon von seinem Opfer ab.

Es ist ein Nehmen und Geben. Und so wird es auch bei der Fußball-Weltmeisterschaft, die bereits in weniger als einem Jahr in Brasilien angepfiffen wird, sein. Hinzu kommen lange Schlangen vor Bushaltestellen, Ticket- und Bankschaltern, Strom- und Handynetzausfälle sowie Verkehrsstaus und Smog. Die Brasilianer sind das alles zwar gewohnt, nur ganz wohl in der Haut fühlen sie sich nicht. Schließlich wird man ja als Gastgeber in der Auslage stehen - und da kommen solche Bilder nicht wirklich gut.

Tatsächlich sind die Herausforderungen, denen sich das fußballverrückte Land stellt, enorm. Umso besorgter blicken Veranstalter, Behörden und Fans auf den Start des Confederations Cups, der ab 15. Juni in den Stadien von Brasiliá, Rio, Belo Horizonte, Fortaleza, Recife und Salvador ausgetragen und als Generalprobe für die WM gehandelt wird. Werden alle Bauten bis zur WM abgeschlossen? Ist ein Verkehrschaos zu befürchten? Und wie ist es um die Sicherheit der ausländischen Fans - allein für die WM werden 600.000 Touristen erwartet - bestellt?

Große Distanzen, Baustellen und Skepsis für die Seleção

Geht es nach Brasiliens Staatschefin Dilma Rousseff, so ist zumindest für den Cup Zuversicht angesagt. "Ich bin sicher, dass Brasilien glänzen wird, sowohl auf dem Feld wie außerhalb. Und dass alle, die kommen, sich verlieben werden und zur WM zurückkommen wollen", sagte sie am Freitag.

Allein als WM-Gradmesser eignet sich der Confederations Cup nur bedingt. Dafür genügt bereits ein Blick auf die Zahlen: Demnach werden bei der Weltmeisterschaft nicht nur doppelt so viele Stadien bespielt, sondern auch weit mehr als die für den Cup qualifizierten acht Teams anreisen. Eine große Herausforderung für die Nationalmannschaften und Fans stellen da zweifellos die Distanzen dar. Zwischen den Spielorten Porto Alegre im Süden des Landes und Manaus im nördlichen Amazonasbecken liegen immerhin 4000 Kilometer und vier Flugstunden. Für die oft an der Kapazitätsgrenze arbeitenden Flughäfen bedeutet das weit mehr als nur eine Nagelprobe.

Über den Fortgang der Arbeiten an den Stadien wacht wiederum die Fifa. Und das nicht ohne Grund, wurden doch bereits zum Confederations Cup die Fristen - etwa für die Errichtung des Eröffnungsstadions von São Paulo, das laut Fifa bis spätestens Dezember 2013 stehen soll - nicht eingehalten. Denn eine Wackelpartie wie beim legendären Maracanã in Rio will der Fußball-Weltverband unter allen Umständen vermeiden. So hätte das Stadion, das bereits für die Endspiele in Cup und WM gebucht ist, schon im Dezember 2012 fertig sein sollen. Allerdings musste die Eröffnung wegen Planungsfehlern, Streiks und zusätzlicher Baumaßnahmen verschoben werden. Rund 360 Millionen Euro sollen in die Sanierung des 79.000 Zuschauer fassenden Maracanã investiert worden sein. Die Feuertaufe beim Länderspiel Brasilien gegen England vor wenigen Tagen überstand das Stadion zufriedenstellend.

Weniger zufriedenstellend fiel dagegen das Ergebnis dieses Testspiels aus. Seit die Seleção unter Trainer Luiz Felipe Scolari gegen England über ein 2:2 nicht hinaus kam, ist die Skepsis der Brasilianer über einen möglichen Erfolg des Nationalteams groß. Seit dem Amtsantritt Scolaris im November 2012 hat die Mannschaft noch keinen Sieg gegen einen großen Gegner erringen können. In der Nacht auf Mntag wartet in Porto Alegre der nächste Test gegen Frankreich (2 Uhr MESZ).

Dabei scheint die selbst erklärte Favoritenrolle auf dem Weg zur Hexa, dem sechsten Titelgewinn, schwer auf den Schultern der Kicker zu lasten. Nach fast zwei Jahren mit Freundschaftsspielen bietet sich beim Confederations Cup nun die Chance, die Kritiker Lügen zu strafen. Und auch für die WM 2014 ist das Ziel vorgegeben: Alles andere als die eigene Rückkehr ins Maracanã zum Finale am 30. Juni würde für Brasilien wohl nur eine Enttäuschung bedeuten. Genauso eine mögliche Niederlage. 1950 ging das entscheidende Spiel der Heim-WM vor 200.000 Fans im Maracanã gegen Uruguay mit 1:2 verloren. Auch Fußball besteht aus Nehmen und Geben.