Kaum ein Datum ist im kollektiven Gedächtnis der Österreicher fester verankert als der 21. Juni 1978. Vor 35 Jahren hatte Österreichs Nationalmannschaft in ihrem letzten Gruppenspiel bei der WM in Argentinien Deutschland überraschend 3:2 bezwungen und damit aus dem Bewerb geworfen. Die "Wiener Zeitung" hat mit dem Wiener Soziologen Matthias Marschik über den Mythos von Córdoba, die Reaktionen darauf und die zeitgenössische Deutung des Sportereignisses gesprochen.

"Wiener Zeitung":Haben Sie das Spiel 1978 im Fernsehen mitverfolgt? Was war Ihr Eindruck?

Matthias Marschik: Natürlich habe ich es mitverfolgt. Die Qualifikation Österreichs war damals schon etwas ganz Besonderes. Die Leistungen waren ja teilweise sehr gut und man hat sich dann doch sehr viel versprochen, allerdings gab es dann das nicht sehr tolle Holland-Spiel und danach das unglückliche 0:1 durch den Strasser-Fehler gegen Italien, und dann war eben noch dieses Spiel gegen Deutschland auszutragen, in dem man einen positiven Schlusspunkt setzen wollte. Und der ist ja mehr als gelungen. Ich habe das natürlich gesehen und habe mich wie ein Schneekönig gefreut - so wie der Rest Österreichs auch.

Den meisten ist in diesem Zusammenhang die heftige Reaktion des ORF-Kommentators Edi Finger in Erinnerung . . .

Interessant ist hier vor allem das Faktum, dass diese Reaktion fast niemand live miterlebt hat, ich denke einmal, dass 99 Prozent sich das Spiel nicht im Radio angehört, sondern im Fernsehen angeschaut haben. Nichtsdestoweniger ist es interessant, dass diese Aussage ins kollektive Gedächtnis Österreichs aufgenommen wurde. Inzwischen kennt das jeder und hat es nachträglich hundert Mal gehört, nur hat niemand das Spiel eigentlich so erlebt. Natürlich ist die Aussage des Edi Finger etwas, das der österreichischen Mentalität sehr entspricht. Ich denke, es passt sehr gut zum Córdoba-Mythos dazu, auch wenn es in der öffentlichen Rezeption überhaupt keine Rolle gespielt hat.

Córdoba-Mythos?

Córdoba ist inzwischen zu einem Begriff geworden, den verschiedenste Leute in Österreich mit verschiedensten Inhalten füllen. Das heißt, es ist ein leerer Begriff. Ich kann diesen Begriff national auf Österreich anwenden, ich kann ihn aber auch mit Wien verbinden. Es ist ja nicht so, dass die Aversion gegen Deutschland in Tirol oder Salzburg so stark verbreitet wäre wie im Osten Österreichs. Das ist im Grunde eine Wiener Geschichte. Ich kann den Begriff aber auch mit Sport und sogar mit der Politik verbinden, wo die Botschaft lautet, dass der Kleine gegen den Großen, seien es jetzt die Deutschen oder auch die EU, immer noch eine Chance hat. In diesen David-gegen-Goliath-Mythos Córdobas lässt sich alles hineininterpretieren und fast alles auch damit begründen. Daher ist Córdoba auch überall als Begriff so akzeptiert und eigentlich unantastbar geworden.

Interessant war ja auch die Reaktion der Deutschen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" etwa hat das 3:2 der Österreicher als Revancheakt für Preußens Sieg 1866 bei Königgrätz interpretiert.

Das ist gar nicht so ungewöhnlich. Es geht im Fußball immer auch darum, dass hier ein Stellvertreterkampf zwischen zwei Nationen geführt wird. Da spielt sich im Grunde nichts anderes ab, als dass es in einem kleinen, sehr auf einen bestimmten Aspekt konzentrierten Konflikt auch um die eigene Nation geht. Und das hebt den Fußball von anderen Sportarten sicher ab. Denn im Prinzip könnte es ja jedem wurscht sein, was da elf oder 22 junge Männer auf einem Rasen tun.

Einer der jungen Männer war 1978 Hans Krankl. Er hat im Vorfeld der Begegnung gesagt: "Wenn ich einen Deutschen sehe, werde ich zum Rasenmäher." Das klingt etwas martialisch.

Das ist martialisch, ist aber auch ein Beleg dafür, dass Fußball nichts anderes ist als eine Auseinandersetzung zwischen Nationen mit anderen Mitteln. Man muss in jedem Länderspiel nicht nur den Konflikt zwischen zwei mehr oder weniger gleichberechtigten Mannschaften sehen, sondern wesentlich mehr. Es heißt ja auch nicht, die österreichische Nationalmannschaft spielt gegen die deutsche Nationalmannschaft, sondern es heißt Österreich gegen Deutschland. Dass nun das Verhältnis zwischen Österreich und Deutschland besonders konfliktbelastet ist, ist auch nichts Überraschendes. Das zieht sich durch die Geschichte hindurch, wo Österreich im Verhältnis zum zersplitterten Deutschland der große Partner war. Das hat sich im 19. Jahrhundert und mit Königgrätz umgedreht. Österreich ist plötzlich der kleine Partner geworden und unter dem leiden wir noch bis heute.

Würden heute noch so Sager wie jener von Krankl toleriert?

Das ist schwer zu sagen. Die Sache hat sich sicher etwas ausdifferenziert, ich glaube, dass es schon schwieriger geworden ist, in dieser Situation eines Europas der Regionen und eines vereinten Europa mit solchen Aussagen einen Erfolg zu erzielen wie einst der Hans Krankl. Damals haben wahrscheinlich noch 90 Prozent der Leute diese Aussage so verstanden und auch unterschrieben, heute werden es vielleicht nur 40 Prozent sein. Ich glaube aber schon, dass diese Konfrontation Groß gegen Klein und diese besondere Auseinandersetzung mit Deutschland nach wie vor eine große Rolle spielt, wenn auch nicht mehr diese entscheidende Rolle wie damals.