Rio de Janeiro. Ratlosigkeit und Angst beim Weltfußball-Verband Fifa, Hilflosigkeit bei Präsidentin Dilma Rousseff: Die Massendemonstrationen in Brasilien am Rande des Confederations Cups offenbaren eine überraschende Machtlosigkeit der Institutionen, die sogar Gerüchte über einen Abbruch des Confed-Cups 2013 provozieren. Helfen könnte in dieser angespannten Situation eigentlich nur noch die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft. Alle anderen Autoritäten fallen derzeit als Vermittler oder Schlichter in Brasilien aus.

Über Ex-Weltfußballer Ronaldo, Mitglied im Aufsichtsrat des lokalen Organisationskomitees, ergießt sich derzeit Hohn und Spott. Ein älteres Interview, dessen Video-Aufzeichnung in diesen Tagen Millionen Brasilianer im Netz angeklickt haben, bringt den bis dato populären Ex-Weltmeister in die Bredouille: "Mit Krankenhäusern kann man keine Weltmeisterschaft machen", sagte Ronaldo damals. Nun trifft ihn die Wirkung seiner Worte von damals mit voller Wucht. Die Investition in Krankenhäuser ist eine der Kernforderungen der Demonstranten, neben mehr Transparenz und einem Ende der Korruption. Zudem ist Ronaldo mit seiner Nebentätigkeit als Co-Kommentator des Fernsehens gefordert, obwohl sein Platz in einem Krisenstab sein müsste. Ronaldo wird zum Gespött des brasilianischen Wutbürgers. Auf ihn, der in dieser Krise völlig überfordert scheint, wird niemand hören.

Auch der Präsident des brasilianischen Fußball-Verbandes (CBF) José Maria Marin ist für die Brasilianer ein rotes Tuch: Dessen Nähe zur Militärdiktatur und zum verhassten, weil hochkorrupten Ex-CBF-Präsidenten Ricardo Teixeira werden ihn in den kommenden Wochen wohl aus dem Amt spülen. Er gilt bei den Demonstranten als einer der Hauptverantwortlichen für das Chaos und die Kostenexplosion. Ein Aufruf von ihm käme einer Provokation gleich. Marin steht für das alte Brasilien, das die Demonstranten so vehement bekämpfen.

Die linksgerichtete Präsidentin Dilma Rousseff, bisher bei den Umfragen stets vorn, bekam zuletzt von den Fans beim Eröffnungsspiel die rote Karte gezeigt. Sie wurde bei der Partie Brasilien gegen Japan gnadenlos ausgepfiffen. Immerhin hat Rousseff eine Krisensitzung einberufen. Sehr spät, aber vielleicht nicht zu spät, um noch zu retten, was zu retten ist. Aber ihr sind die Hände gebunden: Eine Ausgangssperre kann sie nicht verhängen, den Notstand ausrufen auch nicht: Ein Confed-Cup mit Ausgangssperre, wie soll das gehen?

Kicker genießen Vertrauen

Bleibt die Nationalmannschaft, die sich bisher solidarisch mit den Demonstranten zeigt und damit eine Art Vertrauensvorschuss beim Wutbürger genießt. Aus dem Umfeld der Seleção war zu erfahren, dass die Mannschaft im Hotel bis tief in die Nacht über die Situation diskutiert habe. Nicht ausgeschlossen, dass die Mannschaft oder vielleicht auch nur Kapitän Thiago Silva in Kürze eine öffentliche Erklärung abgeben und die Bevölkerung um Ruhe und Zurückhaltung auffordern wird. Die Brasilianer haben ihren Unmut ausgedrückt, jetzt gilt es, die Wut einzufangen, ehe das Land in Schutt und Asche versinkt und der einmal gemeinsam geträumte Traum von der WM im eigenen Land im Rauch von Tränengas und Molotow-Cocktails zerplatzt. Neymar und Co. wären im Moment wohl die einzige moralische Autorität, die beruhigend und deeskalierend auf die Situation einwirken könnte.

Eine Absage des Confed-Cups käme einer Bankrott-Erklärung aller Beteiligten gleich. Wer die Generalprobe nicht organisieren kann, wird auch kein Gastgeber für die WM 2014 sein. Auch deshalb werden - so ist zu vermuten - die Kicker ein Zeichen setzen. Es geht auch um ihren Traum.