Rio de Janeiro. Nun hat sich ein weiterer Ex-Weltfußballer in die Reihen derer eingereiht, die der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 im eigenen Land nichts abgewinnen können. Rivaldo, Weltmeister von 2002, geht mit seinem Heimatland hart ins Gericht: "Wir wissen, dass Brasilien viele andere Prioritäten hat. Wir müssen statt Stadien mehr Schulen, Krankenhäuser und Gefängnisse bauen. Wir geben zu viel Geld für nur einen Monat aus", schimpfte der ehemals beste Kicker der Welt. Brasilien, so lautet Rivaldos vernichtendes Urteil, sei gar nicht fähig, ein solches Turnier zu organisieren. Die dramatischen Verspätungen bei einigen Bauarbeiten scheinen ihm recht zu geben. Rivaldo ist nach Romário der zweite Ex-Weltmeister, der die Organisatoren massiv kritisiert. Beide haben keinerlei Funktionen bei der WM-Organisation.

Rivaldos Kritik kommt unmittelbar vor dem mit Spannung erwarteten Samstag, an dem - so steht es zumindest in den sozialen Netzwerken zu lesen - die Protestbewegung gegen den WM-Gigantismus erstmals im neuen Jahr auf die Straße gehen will. Wie stark die Demonstrationen sein werden, die während des Confed-Cups im vergangenen Jahr erstmals aufflackerten und sich dann im ganzen Land ausbreiteten, ist nur schwer abzuschätzen. "Nein zur WM", "Keine Copa in Brasilien" heißt es in verschiedenen Aufrufen. Doch eine seriöse Prognose, ob sich so kurz nach den großen Sommerferien die Massen tatsächlich auf die Straße bemühen, ist kaum möglich.

"Ich glaube, je näher die WM rückt, desto größer werden die Proteste werden. Die Leute sind einfach unzufrieden, weil die falschen Schwerpunkte gesetzt wurden", sagt Antônio Costa im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Costa und die von ihm gegründete Bewegung "Rio de Paz" gehört zu den kreativsten Köpfen der Protestbewegung. Sie stellten am Copacabana-Strand hunderte von Kreuzen auf, die an die Gewalt in den Favelas erinnern soll. "Es ist eine Schande. Unser Land steht, was die Wirtschaftsleistung angeht, unter den Top Ten in der Welt, und trotzdem haben wir eine solche Ungleichheit. Die Menschen in den Favelas sind wütend."

Epizentrum in den Favelas


Genau dort wächst offenbar eine neue Protestwelle heran. Die Gründe dafür will die Universität UES aus Bahia ermittelt haben. Die Wissenschafter behaupten, dass mehr als 250.000 Menschen wegen Bauarbeiten im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Sommerspiele 2016 von Zwangsumsiedlungen betroffen sind. "Es gibt eine soziale Säuberung", sagte Nelma Gusmão de Oliveira von der UES vor wenigen Tagen der argentinischen Tageszeitung "Infobae". Ziel der Maßnahmen sei es, ärmere soziale Schichten aus dem Umfeld der neuen Stadien und Sportarenen zu entfernen. Die überwiegende Mehrzahl der Bauprojekte sei in Gegenden angesiedelt, in denen bisher ärmere Viertel oder Favelas zu Hause seien. "Wenn die Bewohner erst einmal ihre angestammtes Wohnviertel verlassen haben, werden sie nicht in die unmittelbare Nähe ihrer alten Heimat zurückkehren können, wie es vom Gesetz eigentlich vorgesehen ist, sondern werden in Stadtviertel bis zu 60 Kilometer entfernt von ihrer bisherigen Unterkunft platziert", behauptet Oliveira.

Die Zahlen wurden von der WM- und Olympia-kritischen Organisation "Nationale Artikulation" veröffentlicht, die sich als Sprachrohr der brasilianischen Protestbewegung sieht. Zudem kritisiert die Nichtregierungsorganisation die niedrigen staatlichen Entschädigungszahlungen von umgerechnet etwa 1800 Euro, die weit unter dem tatsächlichen Preis der alten Wohnungen liegen, die von den Umsiedlungsmaßnahmen betroffenen Menschen erhalten.

Die Vorwürfe scheinen nicht aus der Luft gegriffen. Zuletzt gab es genau aus diesen Gründen rund um das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro Proteste, weil Anwohner einer benachbarten Favela gegen den Abriss von Wohnhäusern protestieren, die einem Einkaufskomplex und einem Park weichen sollen. Brasiliens Militärpolizei, die neuerdings gerne im Schutz der Nacht oder in den frühen Morgenstunden zuschlägt, wenn der überwiegende Teil der Bevölkerung schläft, ließ das Areal räumen.

Präsidentin Dilma Rousseff sucht nun direkt das Gespräch mit der Protestbewegung. Künftig sollen sich zwei ranghohe Ansprechpartner aus dem direkt der Sozialdemokratin unterstellten Generalsekretariat des Präsidialamtes um einen "Dialog mit den sozialen Bewegungen und Organisationen" mit Blick auf die WM 2014 kümmern. So steht es in einem jüngst veröffentlichten Dokument der Präsidentin. Vielleicht steht ihnen am Samstag schon die erste Bewährungsprobe bevor.