Flamengo feiert den Meistertitel von Rio - doch Brasiliens Klubfußball steckt in der Krise. - © ap/Leo Correa
Flamengo feiert den Meistertitel von Rio - doch Brasiliens Klubfußball steckt in der Krise. - © ap/Leo Correa

Rio de Janeiro. Kaum war das letzte Tor gefallen, begann das juristische Nachspiel. Flamengo gewann am Sonntag im Finalrückspiel um die Staatsmeisterschaft in Rio de Janeiro gegen Vasco da Gama zwar dank eines umstrittenen Treffers in der Nachspielzeit den Titel, doch seitdem fordert Vasco die Annullierung des Spiels. Die Aussichten auf einen Erfolg auf dem grünen Tisch sind keineswegs aussichtslos. Denn was sich in diesen Tagen in Rio de Janeiro abspielt, ist fast schon zum Standardprogramm im Gastgeberland der WM 2014 geworden.

Vor ein paar Monaten erst, als die nationale Meisterschaftsrunde "Serie A" mit dem überraschenden Abstieg von Kultklub Fluminense endete, hatte die Sportgerichtsbarkeit wieder einmal Hochkonjunktur. Und siehe da, am Ende blieb der Traditionsverein ein Erstligist, und ein anderer Klub musste runter in die zweite Liga.

Am Samstag um 18.30 Uhr darf Fluminense nun mit Nationalstürmer Fred die neue Saison eröffnen. Die Auslastung des Maracanã-Stadions ist damit ein Stückchen sicherer, denn mit Vasco da Gama spielt ein anderer populärer Klub der Stadt bereits in Liga zwei. Nur mit Spielen von Flamengo und Botafogo hätten sich die hohen Unterhaltskosten nicht decken können.

Zumal die Anhängerschaft von Flamengo auch noch an anderer Stelle gebraucht wird: Einen Tag später nämlich wird Flamengo sein Heimspiel in der knapp zwei Flugstunden entfernten Hauptstadt Brasília gegen Goais austragen. In Brasília selbst gibt es keinen Erstligisten, dafür aber jede Menge Beamte der Hauptstadt, die gerne mal ihre Lieblingsteams im für um viele Millionen renovierten Stadion Mané Garrincha sehen wollen. Auf diese Weise hat die Millionen-Investition dann doch noch Sinn.

An den ersten Spieltagen der neuen Saison will der brasilianische Verband seine Stadien noch einmal einem Härtetest unterziehen. Denn die Zeit wird knapp. Am zweiten Spieltag sollte es im nagelneuen Stadion in São Paulo eigentlich zum Klassiker zwischen Gastgeber Corinthians und Flamengo kommen. Doch die Arena, in der am 12. Juni die WM mit der Partie Brasilien gegen Kroatien eröffnet werden soll, ist offenbar noch nicht so weit. Im offiziellen Spielplan des Verbandes heißt es plötzlich wieder: Spielort noch zu bestimmen. Neuer Versuch nun am 12. Mai mit der Partie Corinthians gegen Figueirense.

Nicht nur die Stadionprobleme machen den Hausherren Sorgen, auch sportlich läuft bei Brasiliens Spitzenklubs längst nicht alles nach Wunsch. "Wir waren mal sechs", kritisierte das Sportblatt "Lance" vor wenigen Tagen bissig, als gleich drei brasilianische Spitzenklubs die Vorrunde der südamerikanischen Champions League nicht überstanden und in der Gruppenphase ausschieden. Es fehlt vor allem an Stars und Kontinuität: Bis auf Nationalstürmer Fred und den alternden Ronaldinho fehlen die ganz großen Namen. Zuletzt verabschiedete sich auch der Niederländer Clarence Seedorf Richtung Mailand. Trotz seines fortgeschrittenen Alters gehörte Seedorf noch zu den besten Profis der Liga.

700 Spieler gehen pro Jahr fort


Statistiker haben ausgerechnet, dass jedes Jahr etwa 700 Profis das Land verlassen. Die meisten verschwinden in zweitklassigen Ligen wie in Thailand oder Malaysia. In Brasilien bleiben dann meist nur die, die es nicht nach Europa geschafft haben oder in Europa aussortiert wurden.

"Die deutsche Bundesliga hat nach der WM 2006 unheimlich von den neuen Stadien profitiert. Ich hoffe, dass auch Brasiliens Fußball eine ähnliche Entwicklung nehmen kann", sagt der ehemalige deutsche Nationalspieler Paulo Rink im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Der Deutsch-Brasilianer ist in seiner Heimatstadt Curitiba mittlerweile Leiter des lokalen Organisationskomitees. Doch nach der WM soll alles besser werden, dann gibt es neue Stadien und einen neuen Weltmeister, der hoffentlich Brasilien heißt - so lautet zumindest der Tenor bei vielen Klubs. Mit der neuen Stadioninfrastruktur könnten dann auch Stars länger gehalten werden. Die Spielergewerkschaft Bom Senso ist weniger anspruchsvoll. Für sie wäre es schon ein Erfolg, wenn die Gehälter pünktlich bezahlt und die Terminhetzjagd nahezu ohne Regeneration minimiert würde. Eine Liga mit 20 Klubs, dazu die Regionalmeisterschaft, der brasilianische Pokal mit Hin- und Rückspiel und jede Menge Freundschaftsspiele sorgen für einen Raubbau am Körper.

Die neuen Stadien wollen nach der WM ausgelastet sein, deswegen wird es weiterhin viele Spiele geben. Es bleibt offenbar dabei: Masse statt Klasse hat in Brasiliens nationaler Liga Vorrang.