Dem tückischen Oswald im "König Lear", der mit den Worten: "lch lasse mich nicht schlagen!" vor dem gereizten Edmund zurückweicht, folgt Glocesters Bastard mit der grimmigen Frage: "Auch kein Bein stellen, du nichtswürdiger Fußballspieler?!" (Stellt ihm ein Bein.)

Das war ein hilfreiches Zitat in unserem jugendlichen Kampf wider die Erwachsenen, die uns das Fußballspielen verleiden oder gar verbieten wollten: man ließ mit hochmütiger Beiläufigkeit die Bemerkung fallen, daß Fußball schon bei Shakespeare vorkäme - und hütete sich, die genaueren Umstände dieses Vorkommens preiszugeben. Doch weder unser Hochmut noch unsere Eltern oder gar Shakespeare hätten sich jemals träumen lassen, zu welch gewaltigen Ruhmeshöhen die nichtswürdigen Fußballspieler dereinst emporsteigen würden.

Heute ist es soweit, daß man - wenn schon von Nichtswürdigkeit die Rede sein soll - ein ganz anderes Zitat für sie mobilisieren muß, aus der "Jungfrau von Orleans": "Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre." Genau das begibt sich derzeit in der Schweiz, wo auf den sechs größten Sportplätzen des Landes (in Zürich, Basel, Bern, Lausanne, Genf und Lugano) die Fußballspieler von insgesamt 16 Nationen ihr Alles freudig an ihre Ehre setzen - und nicht etwa an ihre eigene nur, sondern an die Ehre der Nation, die sie vertreten.

Noch nie so nahe


Die Fußballweltmeisterschaft 1954 ist in vollem Gang. Viermal hat sie bisher stattgefunden: 1930 in Uruguay, 1934 in Italien, 1938 in Frankreich, 1950 in Brasilien. 1930 und 1950 siegte Uruguay, 1934 und 1938 Italien. Österreich ist heuer zum erstenmal seit 20 Jahren wieder dabei. 1938 unterblieb die Teilnahme mangels Vorhandenseins als eigener Staat, 1950 mangels Vorhandenseins der Gelder für die weite Reise. Mit der Schweiz, die ja zu unseren nächsten Nachbarn zählt, traf es sich besser. Man könnte fast sagen: Österreich hat es noch nie so nahe zur Weltmeisterschaft gehabt wie heuer. Und weil das nach unseren bisherigen Siegen vielleicht ein wenig doppeldeutig klingt, so sei ausdrücklich vermerkt, daß es nicht prophetisch gemeint ist, sondern geographisch.

In dieser Hinsicht wurde es vor allem von den Schlachtenbummlern verstanden und ausgenützt. Es waren ihrer Tausende, die der Mannschaft zu den beiden ersten Spielen nach Zürich folgten, per Bahn und Flugzeug, Autobus und Auto, Motorrad und Roller. Mit jenem sicheren Kollektivinstinkt, der dem Anhang ebenso eignet wie der Mannschaft selbst, verteilen sie sich dergestalt über den Zuschauerraum, daß ihnen die beste akustische Wirkung gesichert war. Sie bildeten sinnreich arrangierte Gruppen und Grüppchen auf der gedeckten Tribüne an der einen Längsseite und auf der ungedeckten gegenüber, hinter jedem der bei den Tore und an allen vier Ecken.

Sie durften sechsmal in den explosiven Jubelschrei ausbrechen, der da "Goal!" bedeutet und der nicht seinesgleichen hat unter den Jubelschreien. Und kein einziges Mal wurden ihre Ohren durch die ebenso häßliche wie peinliche Resonanz eines gegnerischen Goals verletzt: Österreich gewann 1:0 gegen Schottland und 5:0 gegen die Tschechoslowakei.

Die österreichische Mannschaft zeigte sich vom Start weg des Aufgemuntertwerdens bitterlich bedürftig. Ihre Nervosität überstieg die aller Schlachtenbummler zusammengenommen, und das will etwas heißen. Österreichs erste Viertelstunde bei der Weltmeisterschaft 1954 war trüb wie das Wetter und jammervoll im weitesten Sinn des Wortes: ein einziger Jammer auf dem Spielfeld, ein einziges Jammern unter den Anhängern. Stoß um Stoß mißlang, Stoßgebet um Stoßgebet stieg aus angstverschnürten Kehlen zum regnerischen Himmel.

Der Fachbegriff vom "Schwimmen" - er ist, wie manches andere, dem Fußball- und dem Theaterjargon gemeinsam - trat mit dem gleichen Nachdruck in seine Rechte, mit dem die Schotten nach den Schienbeinen der Österreicher traten. Paßbälle bleiben in der Luft hängen wie verfehlte Stichworte, Schüsse gingen daneben wie schlecht gebrachte Pointen, kein noch so primitives Zusammenspiel gedieh, kein noch so oft erprobter Stellungswechsel wollte klappen. Wenn es auf einer Bühne ähnlich drunter und drüber geht, fallt der Vorhang. Auf dem Fußballplatz fällt dann gewöhnlich ein Tor. Es fiel auch diesmal. Nur fiel es, zum Glück, gegen die Schotten, statt für sie, in einem Augenblick, da man es am allerwenigsten erwartet hätte.

Es war, sozusagen, ein verkehrter Auftritt, aber er brachte das Spiel in Schwung. und von da an hielt es die Zuschauer in erregendem Bann - auch wenn es nicht gerade das wurde, was der Theaterkritiker eine glanzvolle Vorstellung genannt hätte. Eher wohl hätte er auf eine verfrühte Premiere getipt und festgestellt, daß das Ensemble sich besser einspielen müßte. Hier endet die Analogie. Denn auf dem Fußballfeld, anders als auf der Bühne, spielen zwei Ensembles gleichzeitig dasselbe Stück. Und der jüngste Stehplatzbesucher weiß, daß das eine Ensemble nur so gut spielen kann, wie das andere es spielen läßt.