Wien. Der Fußball-WM stehen also Traum-Halbfinale bevor: Die Partien Brasilien gegen Deutschland und Argentinien gegen die Niederlande sind nicht nur ein Duell Südamerika gegen Europa, sondern auch zwei potenzielle Endspiele - wie es sie in dieser Konstellation schon 2002 beziehungsweise 1978 gegeben hat. Wenn sich die früheren Welt- und Europameister als Weltmächte des Fußballs nun die ersten vier Plätze der "Weltmeisterschaft der Weltmeisterschaften" ausspielen, so sorgt dies für erhöhte Brisanz und Aufmerksamkeit - die Anhänger von dramatischen und hochklassigen Fußball-Leckerbissen sollten allerdings nicht zu optimistisch sein, dass sie am Dienstag und Mittwoch wirklich auf ihre Rechnung kommen. Denn meist verhält es sich beim Fußball wie in der Weltpolitik: Wenn Großmächte unter sich sind, ist der Respekt übergroß und jedes Manöver wird abgewogen, um dem anderen durch einen Fehler ja nicht zu einem Vorteil zu verhelfen. Selbiges war erstmals bei dieser WM auch in den Viertelfinalspielen zu sehen: Der Schwung der Vorrunde wurde durch Taktieren jäh eingebremst.

In den vergangen 30 Jahren gab es bei Weltmeisterschaften nur wenige Ausnahmen, die diese Regel bestätigen. Ein Blick zurück auf legendäre Duelle der aktuell großen Vier des Weltfußballs:

WM-Finale 1986: Argentinien - Deutschland 3:2. Im Hexenkessel des Aztekenstadions von Mexiko-Stadt werden 114.800 Zuschauer Augenzeugen des wohl dramatischsten WM-Finales der Neuzeit: Die Gauchos, angetrieben von Diego Maradona in der Form seines Lebens, gehen Mitte der ersten Hälfte durch einen Kopfballtreffer von José Luis Brown nach Fehler von Torwart Toni Schumacher in Führung. Nach der Pause entwickelt sich dann ein hochklassiger, offener Schlagabtausch: Zunächst besorgt Jorge Valdano in der 56. Minute das 2:0 - die eigentlich schon geschlagenen Deutschen kämpfen sich aber zurück: Zwei Ecken von links durch Andreas Brehme bringen binnen sechs Minuten den Ausgleich (Tore durch Karl-Heinz Rummenigge und Rudi Völler). Das Momentum scheint auf Seiten der Elf von Franz Beckenbauer zu sein, ehe Maradona einen seiner Genieblitze liefert: Umzingelt von fünf Deutschen spielt er einen weiten Pass auf Jorge Burruchaga, der fünf Minuten vor Schluss allein aufs Tor laufend den Treffer zum WM-Titel schießt.

WM-Achtelfinale 1990: Deutschland - Niederlande 2:1. Es ist das Meisterstück der Deutschen auf dem Weg zum dritten Titel - der Sieg über den Erzrivalen und amtierenden Europameister ist an Dramatik, Emotion und Klasse kaum zu überbieten. Als Mitte der ersten Hälfte Frank Rijkaard und Völler aneinanderkrachen, kocht das Meazza-Stadion fast über. Beide werden vom überforderten Referee ausgeschlossen, beim Abgang folgt die legendäre Lama-Attacke des Holländers auf den Deutschen. Ehe in der 50. Minute Jürgen Klinsmann zum 1:0 trifft, werden hüben wie drüben Chancen im Minutentakt verjuxt. Die Oranjes werfen danach alles nach vorne, drücken - aber die Deutschen machen das Tor: Brehme bezwingt Hans van Breukelen per Schlenzer vom Strafraumeck. Der knapp vor Schluss von Ronald Koeman verwandelte Foulelfmeter zum Anschlusstreffer sorgt nur noch kurz für Spannung.