Amsterdam. Natürlich musste er wieder auftauchen, der Geist des Totaalvoetbal, des totalen Fußballs. Während großer Turniere ist das in den Niederlanden ein wiederkehrender Reflex. Selten, wie 2008 bei der Euro, feiert man eine vermeintliche Renaissance. Meist aber beklagt man seinen Verlust - selbst, wenn die orange gewandeten Protagonisten sich wie in Brasilien als erstes Team fürs Achtelfinale qualifizieren und auf dem Weg dorthin dem amtierenden Champion eine epische Klatsche verpassen. Ästhetik ist nun mal ein Anspruch an sich selbst, so wie der Gewinn von Titeln in Deutschland.

Noch nie indessen war diese Debatte so programmiert wie dieses Mal, als Louis van Gaal der Elftal wenige Wochen vor der WM ein 5-3-2-System verpasste, was umgehend eine pikierte Welle von Unverständnis hervorrief. Auch nach dem erfolgreichen Start ins Turnier gab es Kritik von Experten wie Ex-Salzburg-Trainer Co Adriaanse; Ex-Oranjespieler Ronald De Boer sagte, 5-3-2 täte den Augen weh; sein Zwillingsbruder und Ajax-Coach Frank räumte immerhin ein, es sei ein "schreckliches Scheiß-System, wenn man dagegen spielt", und stellte sogleich einen entsprechenden Trend in Aussicht.

Der Verlauf der Debatte ähnelt dem von 2010, als die Kritik am Stil Bert van Maarwijks auch erst mit dem erfolgreichen Turnierverlauf verstummte. Auffällig aber ist, dass sich auch internationale Beobachter einmischen und dabei bemerkenswerte Maßstäbe an das niederländische Team anlegen. Schüchtern wie Morten Olsen, dem als ehemaligen Ajax-Trainer Totaalvoetbal-Credibility anhaftet: "Die Niederlande versuchten immer, den Ball festzuhalten, das ist jetzt anders." Oder moralisierend wie Jorge Valdano, der argentinische Weltmeister von 1986. Er monierte, Oranje sei durch sein Image zu Angriffsfußball verpflichtet. Der aktuelle Stil sei daher "Verrat an der eigenen Essenz".

Rechtsruck im System?

Seine Aussagen belegen, dass der legendäre niederländische Offensiv-Stil bis heute als romantische Projektionsfläche dient. Bewunderer leiten daraus den Anspruch ab, die Niederländer hätten diesem Stil treu zu bleiben. Natürlich liegt da der Gedanke an César Luis Menotti nah, und an seine Prototypen vom schönen, spielerischen "linken" Fußball und seinem "rechten" Counterpart, berechnend und ergebnisfixiert. Darüber referierte zuletzt "Volkskrant"-Kolumnist Martin Sommer, als er sich Gedanken über den Fußball als Spiegelbild gesellschaftlicher Zustände machte. Ist da ein Zusammenhang zwischen der Abkehr vom Totaalvoetball und dem vermeintlichen Verlust einer anderen holländischen Schule, der von Toleranz und Internationalismus?