Rio de Janeiro/Wien. Am Ende war auch Franz Beckenbauer, graue Eminenz des deutschen Fußballs, mit der WM versöhnt, die für ihn so bitter mit dem provisorischen und mittlerweile aufgehobenen Ausschluss vom Fußball begonnen hatte. Joachim Löw hatte die Mannschaft entgegen einiger Kritik aus dem eigenen Land zum vierten WM-Titel geführt und sich damit zum legitimen Nachfolger Beckenbauers gemacht, dem dies 1990 als bisher letztem deutschen Teamchef gelungen war. Damals hatte er im Überschwang der Gefühle gemeint, die DFB-Elf werde auf Jahre hinaus unschlagbar sein - und sich damit kolossal geirrt. Diesen Fehler werde er jetzt nicht mehr begehen, sagte Beckenbauer, mittlerweile TV-Analytiker, also nach dem jetzigen 1:0-Sieg über Argentinien nach Verlängerung. "Aber die deutsche Mannschaft wird in Zukunft sehr schwer zu schlagen sein."

Und es gibt gute Gründe für diesen Befund, die sich vielleicht nicht an spielerischem Glanz wie bis vor kurzem noch bei den Vorgängern aus Spanien ablesen lassen, aber an den nackten Zahlen: Denn trotz schwächerer Auftritte wie beim Beinahe-Achtelfinal-Aus gegen Algerien dominierten die Deutschen auch in so gut wie allen Statistiken: Keiner ist während des gesamten Turniers so viel gelaufen wie Thomas Müller; keine Mannschaft hat so viele Tore geschossen wie das deutsche Team mit seinen 18 Treffern; Manuel Neuer wurde trotz seines ungesühnten schweren Fouls an Gonzalo Higuaín im Finale zurecht als bester Tormann ausgezeichnet; und bei keinem anderen Team war die Quote an erfolgreich abgeschlossenen Pässen so hoch wie bei den Deutschen. Insgesamt fanden ihre Abspiele zu 82 Prozent den Mitspieler, Führender in der Einzelwertung wiederum ist Kapitän Philipp Lahm mit 86,3 Prozent.

Angesichts dessen fragen sich nun viele, ob der WM-Titel tatsächlich der Abschluss einer Ära ist, die 2006 eingeleitet wurde, der Lohn für eine goldene Generation, die dem damals proklamierten Sommermärchen acht Jahre danach das letzte Kapitel anhängen konnte; oder ob es vielmehr erst der Beginn der Zukunft war, die dem deutschen Fußball noch viele Erfolge in den kommenden Jahren bringen wird. Die Zeitung "Der Tagesanzeiger" hat sich schon festgelegt: "Goldene Generation, goldene Zukunft", stand dort programmatisch zu lesen.

Das neue Spanien?

Tatsächlich gibt es Argumente für diese These: In Brasilien stand eine Mannschaft auf dem Platz, in der die jungen Wilden von damals, allen voran der 30-jährige Philipp Lahm und der Noch-29-jährige Bastian Schweinsteiger, zu Führungspersönlichkeiten gereift sind, in der aber auch viele Talente ihr Potenzial zeigen konnten. Dass die Mannschaft nun auseinanderbricht, wie das etwa bei den Spaniern und Italienern passieren wird, ist bei den aktuellen Weltmeistern nicht anzunehmen. Mit Ausnahme von Miroslav Klose, der seiner Karriere im Alter von 36 Jahren noch den Titel des Rekord-WM-Torschützen und des Weltmeisters anfügen konnte, wird wohl keiner aus der Mannschaft an die Pensionierung denken; für viele wie Mario Götze, den Siegtorschützen gegen Argentinien, Super-Joker André Schürrle sowie Julian Draxler, alle erst Anfang 20, hat der Spaß gerade erst begonnen. Auch Fünffach-Torschütze Müller und Parade-Flankengeber Toni Kroos sind gerade erst 24 Jahre alt und werden wohl noch einige erfolgreiche Turniere spielen können. Dazu kommt noch ein Marco Reus mit 25 Jahren, der diesmal aufgrund einer Verletzung gar nicht dabei sein konnte. "Ich glaube, dass wir schon das Potenzial haben, auch die nächsten Jahre in der Weltspitze sein zu können. Mit dieser Mannschaft oder vielleicht auch mit dem einen oder anderen Spieler, der dazu kommt", konstatierte Löw, der selbst noch einen Vertrag bis 2016 hat, sich nach dem Finale aber noch nicht definitiv zu seiner Zukunft geäußert hat.

Ob nun die Deutschen diese Spitze auch derart dominieren können, wie es die Spanier in den vergangenen Jahren getan haben, sei allerdings dahingestellt. Wie schnelllebig der Fußball sein kann, zeigte deren blamables Ausscheiden nach der Vorrunde, dass sie bis vor kurzem noch als Nonplusultra aller spielerischen Eleganz gegolten haben, scheint nun schon wie aus einer anderen Welt. Doch damals hatten sie mit ihrem Kurzpass-Kombinations-Stakkato eine neue Form des Fußballs etabliert, der die Gegner oftmals hilflos gegenüberstanden. Von der Löw-Elf kann man nicht behaupten, dass sie stilbildend agierte. Vielmehr hat sie sich aus dem großen taktisch-technischen Reservoir, das der Fußball zu bieten hat, das Erfolgsversprechendste herausgepickt und dies auf die eigenen Spieler, das System und den Gegner bezogen am besten umgesetzt. Dass das auch bei den kommenden Turnieren gelingt, konnte und wollte Löw nicht versprechen. Die Spitze ist enger zusammengerückt, und der Fußball wird sich weiterdrehen - "aber dieses tiefe Glücksgefühl", sagte der Trainer, "wird für alle Ewigkeit bleiben".