München. (art) Dass der WM-Gewinn Deutschlands nicht das Ende, sondern vielmehr der Anfang einer Ära war, darin war man sich schnell einig. Diese Mannschaft, hieß es vielfach, sei nun dank ihrer Mischung aus Routine und jugendlichem Elan, dank der strategischen Planung, die der deutsche Fußball-Bund schon seit knapp zehn Jahren betreibt und die immer wieder neue Talente nach oben spült, dank des professionellen Betreuerstabs und dank der florierenden Bundesliga und ihren Klubs auch logischer Favorit für die kommenden Turniere. Die Zukunft hat begonnen, lautete das Motto, das Teamchef Joachim Löw und Co unmittelbar nach der Überreichung des goldenen Pokals, ausgaben. Doch nun beginnt sie noch schneller als vermutet: Mit Philipp Lahm gab am Freitag eine der prägenden Persönlichkeiten des deutschen Fußballs der vergangenen Dekade seinen Rückzug aus dem Nationalteam bekannt. Sein Engagement beim FC Bayern München, bei dem der 30-Jährige seit seiner Jugend mit Ausnahme eines zwei Jahre währenden Leihgastspiels beim VfB Stuttgart spielt, ist davon nicht betroffen; kurz vor der WM hat der Champions-League-Sieger von 2013 seinen Vertrag beim Rekordmeister bis 2018 verlängert.

Die Entscheidung, der Nationalmannschaft den Rücken zu kehren, sei keine plötzliche, die im Überschwang der Gefühle nach dem Erreichen des Höchsten, das man auf Team-Ebene nur erreichen kann, getroffen wurde, erklärte Lahm in einer Stellungnahme. Vielmehr sei sie während des vergangenen Jahres gereift. Dass sie nun aber mit dem WM-Sieg zusammenfällt, mache ihn glücklich.

Neues Selbstbewusstsein

"Es ist der richtige Zeitpunkt für mich", sagte Lahm, der Löw laut eigenen Angaben schon am Montag und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach am Freitagvormittag via Telefon informierte. Er habe bei dem Gespräch schnell gemerkt, "dass es aussichtslos ist, ihm die Entscheidung ausreden zu wollen", erklärte Niersbach, der den Defensiv-Allrounder als "herausragenden Spieler" würdigte, der "immer ein Vorbild" gewesen sei. Und auch Lahm bedankte sich beim DFB, der Abschied erfolge in "völliger Harmonie". Der Streit nach Erscheinen seiner Biographie "Der feine Unterschied" im Sommer 2011, als sich ehemalige Trainer kritisiert sahen, ist längst vergessen. Stattdessen steht Lahm, der seit seinem Teamdebüt im Februar 2004 bis zum WM-Finale am Sonntag 113 Länderspiele bestritt und dabei fünf Tore, unter anderem den Führungstreffer beim 4:2-Sieg im Eröffnungsspiel der Heim-WM 2006, erzielte, repräsentativ für die moderne deutsche Spielergeneration, die sich von ihrem einstigen Übervater Michael Ballack emanzipierte und das Spiel der Deutschen variabler und attraktiver machte. Als Lahm vor der WM 2010, als ihn Löw zum Kapitän machte, selbstbewusst erklärte, er denke auch im Falle einer Rückkehr Ballacks nicht daran, die Schleife wieder abzugeben, gab er den deutschen Medien mit der "C"-("Captain"-)Frage eine monatelange Beschäftigung auf - mit dem Endeffekt, dass Ballacks Karriere beendet war und jene Lahms einen weiteren Schub erfuhr.

Nun überlässt er die Bühne anderen - und Löw damit eine große Lücke. Als vielseitiger Spieler, der sowohl auf den Außenverteidigerpositionen als auch im zentralen Mittelfeld eine verlässliche Größe ist, wird er nur schwierig zu ersetzen sein. Noch mehr aber wollte Löw in einer ersten Stellungnahme die menschlichen Qualitäten Lahms würdigen: "Als Trainer kann man sich einen solchen Spieler nur wünschen. Er ist ein großartiger Spieler mit Herz, Leidenschaft und Charakter."

Stimmen

"Im Laufe der vergangenen Saison habe ich den Entschluss gefasst, nach der Weltmeisterschaft meine Länderspielkarriere zu beenden. Ich bin glücklich und dankbar, dass mein Karriereende in der Nationalmannschaft mit dem Gewinn der WM in Brasilien zusammenfällt."

Philipp Lahm, Kapitän a.D.

"Zehn Jahre durfte ich mit ihm in der Nationalmannschaft arbeiten. Als Trainer kann man sich einen solchen Spieler nur wünschen. Er war für mich immer ein zentraler Ansprechpartner."

Teamchef Joachim Löw

"Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um ihm meinen großen Respekt auszusprechen für das, was er für die Nationalmannschaft geleistet hat."

Kanzlerin und Edelfan Angela Merkel