Gibraltar. Eines ist bereits gewiss. Wenn am Sonntagabend Gibraltar im Auftaktspiel zur EM-Qualifikation im portugiesischen Faro gegen Gruppengegner Polen antritt, werden die Pubs in den Straßen der seit 1704 bestehenden britischen Kronkolonie voll sein. Und die Gesichter voller Freude - und das ganz unabhängig vom Ergebnis. Weil man endlich als Fußballnation in Europa angekommen ist und als gleichberechtigtes Uefa-Mitglied nun mit den Großen mitspielen darf.

Dass es dazu kommen würde, war bis vor wenigen Jahren nahezu undenkbar. Nicht, weil die Kolonie kein eigenes Fußballstadion hätte. Um die von der Uefa geforderten Mindeststandards zu erfüllen - das Victoria-Stadion unweit des Flughafens erwies sich als zu klein -, lässt die Lokalregierung derzeit an der Südspitze des Felsens ein modernes Oval mit 8000 Sitzplätzen errichten. Bis aber das neue Europa-Point-Stadion 2016 eröffnet wird, wird Gibraltars Nationalteam seine Länderspiele im 400 Kilometer entfernten Faro an der portugiesischen Atlantikküste austragen. Freilich hätte die Gibraltar Football Association (GFA) auch das näher gelegene Málaga als Spielort akzeptiert - nur hatte da Spanien etwas dagegen.

Womit auch schon der eigentliche Grund für das jahrzehntelange Ringen der GFA um Aufnahme in der Fifa und Uefa genannt ist: die hohe Politik. Seit jeher pocht nämlich Spanien auf die Rückgabe der strategisch wichtigen Halbinsel Gibraltar, die sich immerhin seit 1704 in britischem Besitz befindet. Dabei lässt das Land keine Gelegenheit aus, um diesen Anspruch zu verdeutlichen, so auch nicht im Fußball. Nachdem der gibraltarische Fußballverband 1991 und 1997 mit seinem Begehr, in die Fifa aufgenommen zu werden, gescheitert war, versuchte man es 1999 erneut, nur diesmal bei der Uefa. Hier standen die Chancen anfangs etwas besser, auch wenn Spanien als einflussreiches Uefa-Mitglied immer wieder die Rechtmäßigkeit eines solchen Antrages anzweifelte und bisweilen gar mit seinem Austritt aus dem Verband drohte. Madrid befürchtete, dass eine Aufnahme als Anerkennung der sportpolitischen Unabhängigkeit Gibraltars ausgelegt werden und damit anderen Provinzen wie Katalonien oder dem Baskenland als Trittbrett dienen könnte.

Die GFA musste sich erneut auf einen jahrelangen Streit gefasst machen. Allein der Uefa gingen nach und nach die Argumente aus. Hatte man 2001 die ablehnende Haltung - wie zuvor die Fifa - damit begründet, dass Gibraltar keinen Nationenstatus besitze und auch kein UNO-Mitglied sei, führte man 2007, als die Aufnahme erneut auf der Tagesordnung stand, den "ungeklärten politischen Status" der Halbinsel ins Treffen. Genutzt hat es nicht, am Ende mussten sich sowohl Spanien wie auch die Uefa dem Machtwort des Internationalen Sportgerichtshofes CAS fügen, der in einem Urteil erkannt hatte, dass eine "Mitgliedschaft Gibraltars zu akzeptieren" sei.

Im Mai 2013 wurde die Kronkolonie, die immerhin 2500 eingetragene Kicker hat, in die Uefa aufgenommen, bereits im November bestritt man das erste Länderspiel gegen die Slowakei. In dem nur 27.000 Einwohner zählenden Zwergstaat hat die gute Nachricht eine Fußball-Euphorie ausgelöst, und das nicht nur mit Blick auf die Teilnahme an der EM-Qualifikation und das ehrfürchtig erwartete Zusammentreffen ihrer Nationalmannschaft mit Gruppengegner und Weltmeister Deutschland.

Hinzu kommt: Auch die lokalen Klubs sind in der Champions- und Europa-League startberechtigt sind. In von Gibraltar hat in den vergangenen Jahren stets der Lincoln FC den Titel geholt. Einer der Vereine heißt übrigens Manchester United, so wie das große Vorbild aus England.