Hamburg. (art) Es war im Mai 2014, als sich in Deutschlands Fußballszene beinahe Historisches ereignet hätte: Der HSV, als einziger Bundesliga-Klub in der 51-jährigen Geschichte noch nie abgestiegen, rettete sich nur mit Müh’ und Not auf einen Relegationsplatz - oder besser: wurde vom Unvermögen der direkten Konkurrenz auf diesen gerettet -, und schaffte gegen Greuther Fürth mit Hängen und Würgen den Klassenerhalt, ohne freilich in den beiden Spielen (0:0, 1:1) gegen den Zweitliga-Dritten gewinnen zu können.

Im Herbst aber, so hieß es, sollte alles besser werden. Aber das hieß es schon so oft. Immerhin wurde die Profiabteilung in eine AG ausgegliedert, um neue Geldquellen via Aktien zu erschließen, Dietmar Beiersdorfer als ihr Vorstandsvorsitzender installiert, und es wurden gleich 26 Millionen Euro in neue Spieler investiert; vorgestreckt vom Mäzen Klaus-Michael Kühne, ansonsten hätte man sich das nicht leisten können.

Rekordverdächtige Bilanz


Und nun? Nach drei Runden stehen die Hanseaten mit einem Punkt als Tabellenletzter der Bundesliga da - ohne Sieg, ohne Tor und seit Montagabend auch ohne Trainer. Denn beim einstigen Vorzeige- und Traditionsklub hat sich auch diesmal eine andere Tradition, nämlich die der Hire-and-Fire-Politik, durchgesetzt. Nach dem 0:2 gegen Hannover am Wochenende musste Mirko Slomka gehen, damit hält der HSV bei einer rekordverdächtigen Bilanz von neun binnen sechs Jahren verschlissenen Trainern. In seinem letzten Spiel hatte Slomka gleich sieben neue Akteure eingesetzt - eine Verzweiflungstat einerseits, ein Zugeständnis an die Führungsetage andererseits. Schließlich war es diese gewesen, die möglichst radikale personelle Änderungen gefordert hatte.

Auch Kühne hat sich immer wieder ungefragt zu sportlichen Belangen zu Wort gemeldet, gegen die verschiedenen Trainer gewettert und auch Slomka indirekt schon vor der Saison das Vertrauen entzogen. Dass der 47-Jährige, der erst im Februar als Nachfolger von Bert van Marwijk gekommen war, dadurch ein Betreuer auf Bewährung werden dürfte, war vorauszusehen - obwohl er nur kurz davor einen Vertrag bis 2016 unterschrieben hatte. Doch Kontinuität erwartet in Hamburg ohnehin keiner mehr. Der HSV manövriere sich so indessen immer weiter in die Abwärtsspirale, in der tatsächlich das Unmögliche, der erstmalige Abstieg in der langen Geschichte nämlich, real werden könnte. Der Verein drohe "zur Marionette von Klaus-Michael Kühne zu werden", schreibt die "Welt" und entwirft ein düsteres Szenario: "Sollte Dietmar Beiersdorfer in Hamburg tatsächlich als Retter und starker Mann reüssieren wollen, muss er sich von Kühne emanzipieren. Sonst gehen im Hamburger Volkspark bald endgültig die Lichter aus."

Und nun die Bayern


Vordergründig ist man indessen mit der Suche nach einem Slomka-Nachfolger beschäftigt. Wunschkandidat Thomas Tuchel wird’s dem Vernehmen nach nicht werden, zum einen, weil er sich nach seinem Aus bei Mainz eine Schaffenspause verordnet hat, zum anderen, weil er dort noch vertraglich gebunden ist, daher eine Ablösesumme fällig werden würde - und der HSV ohnehin schon genug Alt-Personal weiterzahlen muss.

Möglich ist indessen laut Gerüchten ein Aufstieg von U23-Trainer Josef Zinnbauer, der zumindest eine Interimslösung darstellen könnte und die Mannschaft und die Klubgepflogenheiten nicht erst großartig kennenlernen müsste.

Schließlich warten am Samstag in der Bundesliga die Bayern, ausgerechnet. Gegen sie hatte man im Februar 2013 mit 2:9 verloren. Mittlerweile erinnert man sich in Hamburg mehr an solche Dinge als an die glorreiche Tradition.