Gelsenkirchen. (apa/art) Ein Spiel dauert 90 Minuten? Mitnichten. Diese Erfahrung mussten schon viele Fußball-Mannschaften machen, zuletzt die deutsche. In Gelsenkirchen schrieb die EM-Qualifikationspartie gegen Irland die 94. Minute, als John O’Shea sein 100. Länderspiel für Irland mit einem Volleytor krönte. Und es war nicht irgendein Treffer - es war einer, mit dem sich der krasse Außenseiter einen Punkt beim Weltmeister holte und diesen noch ein bisschen tiefer in die Krise stürzte.

Denn wäre dieses Tor nicht gewesen, man hätte sich zumindest vom Ergebnis her nach der 0:2-Niederlage gegen Polen wenige Tage davor rehabilitiert. Schließlich hatte Toni Kroos die Deutschen, die spielbestimmend, aber alles in allem wenig kreativ und zu lässig im Umgang mit ihren Möglichkeiten waren, in der 71. Minute doch plangemäß in Führung gebracht. Dass es letztlich nicht reichte, habe man sich laut Teamchef Joachim Löw "auch selbst zuzuschreiben, weil wir in den letzten fünf, sechs Minuten das Spiel nicht mehr unter Kontrolle hatten. Da waren wir zu naiv." Die Konsequenz: Vier Punkte aus drei Partien, Platz vier in der Gruppe D, punktgleich mit den Schotten, aber drei Zähler hinter dem Führungsduo Polen und Irland, der schlechteste Start in eine EM-Qualifikation in der Geschichte der DFB-Auswahl. "Extrem ärgerlich", fand dies Löw, gab sich aber zugleich kämpferisch: "Wir schlagen zurück."

Schließlich gab es durchaus rationale Gründe für die enttäuschenden Ergebnisse in den jüngsten beiden Spielen. So standen nur noch 13 der 23 Spieler aus dem Weltmeisterkader zur Verfügung, die Mannschaft hatte ein völlig neues Gesicht, die Ausfall-Liste war lang. Den jungen Nachrückern wie dem 22-jährigen Erik Durm, den beiden 21-jährigen Antonio Rüdiger und Julian Draxler sowie dem 20-jährigen Matthias Ginter fehlt es noch an internationaler Routine - und an starken Führungspersönlichkeiten. "Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm haben ganz jungen Spielern Halt gegeben in schwierigen Momenten, auf und neben dem Platz. Die Typen sind im Moment nicht da", befand Löw. Zudem fehle bei einigen "in manchen Momenten die geistige Frische", sagte er, nahm aber seine Spieler diesbezüglich in Schutz: "Man kann auch nicht erwarten, dass jeder nach dieser WM im Vollbesitz der geistigen und körperlichen Kräfte ist". Die deutsche Öffentlichkeit wird sich mit solchen Erklärungen aber bald nicht mehr zufrieden geben. Immerhin kommt am 14. November kein allzu furchteinflößender Gegner: Dann empfangen die Deutschen nämlich Gibraltar.