Friedrich Schuler in seinem hauseigenen Museum. Besonders stolz ist er auf die Ecke mit Erinnerungsstücken an Ernst Happel. - © Görtzen
Friedrich Schuler in seinem hauseigenen Museum. Besonders stolz ist er auf die Ecke mit Erinnerungsstücken an Ernst Happel. - © Görtzen

Hamburg. Staubzucker darf natürlich nicht fehlen. Und auch ein Klacks Schlagobers liegt neben dem duftenden Backwerk, auch wenn das vielleicht nicht ganz der Tradition seines Heimatlandes entspricht, sondern eher ein Zugeständnis an die kulinarischen Erwartungen seiner norddeutschen Mitmenschen ist. Mit seinen selbstgemachten Apfelstrudeln und seiner freundlichen Art hat sich Friedrich Schuler unter den Fans des Hamburger SV, der am Mittwoch (20.30 Uhr, ARD) in der zweiten Runde des DFB-Pokals den FC Bayern empfängt, einen Rang erworben wie kein anderer.

Als "Gott des Strudels" wurde er in der Hansestadt schon gefeiert. Den 65 Jahre alten Tiroler-Friedl, der einst durch Ernst Happel zu seinem Spitznamen kam, kennt jeder Anhänger des HSV, zumindest vom Namen her. Im Jahr 2003 wurde er von der deutschen Fußball-Liga unter 10.000 Bewerbern sogar zu Deutschlands Super-Fan gekürt. An einen solchen Werdegang war nicht zu denken gewesen, damals, als sich der junge Friedl von Erl aus auf den Weg in den Norden Deutschlands begeben hatte. 1968 hatte ihn, damals 19 Jahre jung, das Fernweh gepackt. "Ich wollte unbedingt nach Hamburg, als Schiffskoch arbeiten. Es war mein großer Traum, zur See zu fahren", erzählt er. Ein Herzfehler machte das aber zunichte. Doch Plan B war schnell gefunden: Der lebensfrohe Tiroler blieb in Hamburg, er arbeitete als Koch im "Alt Lohbrügger Hof" und wurde bald darauf Fan des HSV.

Zu Gast im Kabinentrakt


In Lohbrügge, im Südosten der Stadt, lebt Schuler seitdem. Einen Raum der 76-Quadratmeter-Wohnung hat er zu einem Museum umgestaltet. Trikots, Wimpel, Eintritts- und Autogrammkarten schmücken die Wände. Eine Ecke ist für einen der Größten reserviert, die je beim HSV tätig waren: für Ernst Happel. Collagen zeigen den liebevollen Grantler, der als Trainer die erfolgreichste Zeit des HSV begründete, über einen Zeitraum von vielen Jahren hinweg. Auf einem Foto steht Happel auf dem Rathausmarkt, lässig an eine Straßenlaterne gelehnt. "Zur Erinnerung an ,Tiroler-Friedl‘, Dein Ernst Happel", steht darauf handschriftlich geschrieben.

Zehn Jahre lang war Schuler schon Fan des HSV gewesen, als Happel nach Hamburg kam. "Er war eine Respektsperson, das merkte man gleich", sagt Schuler. Über die gemeinsame Nationalität fand er einen Draht zu dem 24 Jahre älteren Wiener, der am 14. November 1992 in Innsbruck starb. Schuler war oft beim Training der HSV-Profis. "Immer, wenn ich kam, hat er gesagt: ,Da schau an, der Tiroler ist wieder da!‘ So wurde ich für alle zum Tiroler-Friedl." Der Vorsitzende des HSV-Fanklubs Lohbrügge brachte häufig Apfelstrudel mit, auch mal Leberkäs’ oder Weißwürste. Happel erlaubte ihm den Zugang bis in den Vorraum zur Mannschaftskabine - wobei es zunächst etwas unterschiedliche Auffassungen über die Häufigkeit gab. Schuler: "Er sagte da zu mir: ,Tiroler, was machst denn scho’ wieder hier? I hob’ g’sogt, du kannst amoi am Sonntag in den Vorraum. Jetzt bist’ jeden Sonntag da.‘ Dann schlug er die Tür zu. Kurz danach ging sie wieder auf, und Happel sagte: ,Tiroler, is scho recht, kannst bleiben.‘"

Sie waren auch alle in seiner kleinen Wohnung zu Besuch, zum Essen von Apfelstrudel, Schweinsbraten oder anderen Gerichten - Happel, Günter Netzer, Uwe Seeler, Oliver Bierhoff und viele andere. Happels Tod vor fast genau 22 Jahren traf Schuler schwer. "Ich brauchte Wochen, um das zu verarbeiten." Zu Happels Lebensgefährtin Veronika hält er noch immer Kontakt. Erst neulich schickte sie ihm das alte Taschenmesser und den letzten Dress, den ihr Ernstl als österreichischer Nationaltrainer trug. Zu Happels Zeiten waren die Duelle mit den Bayern noch Nord-Süd-Gipfel, da waren Prognosen über den Ausgang der Partien schwierig. Jetzt aber sagt der Tiroler-Friedl: "Wir haben keine Chance gegen diese Bayern."

Der neue HSV-Trainer Josef Zinnbauer ist bereits die Nummer 26, die er seit den Anfängen seiner Liebe für den Verein erlebt hat. Zinnbauers Vorgänger haben alle von ihm Apfelstrudel serviert bekommen. Bei Zinnbauer stehe das noch aus, es sei aber geplant, sagt der Tiroler-Friedl, der für das Bundesliga-Frauenteam des Hamburger SV ehrenamtlich das Catering betreibt. Als "kulinarischer Betreuer" serviert er Waffeln, eingelegtes Putenfleisch und natürlich seinen Apfelstrudel. Das Cupspiel gegen die Bayern verfolgt er von dort aus, von wo er sich damals auf den Weg nach Hamburg gemacht hat. Termine führen ihn und Ehefrau Reni in seine alte Heimat, nach Erl. "Ich schaue mir das Spiel aber im Fernsehen an", sagt er. Und es könnte durchaus sein, dass er seiner Reni dabei einen Apfelstrudel servieren wird.