• vom 27.11.2014, 17:06 Uhr

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Krieg der Oligarchen




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Von WZ-Korrespondent Ferry Batzoglou

  • Ein niedergeprügelter Schiedsrichter, ein Stopp des Betriebs, ein Streit zwischen Klubchefs: Griechenlands Fußball im Chaos.

"Bombe wird alle mit sich reißen": AEK-Boss Dimitris Melissanidis fährt schwere Geschütze auf. - © epa

"Bombe wird alle mit sich reißen": AEK-Boss Dimitris Melissanidis fährt schwere Geschütze auf. © epa

Athen. Draußen strahlt die Sonne vom blauen Himmel auf das Glasdach des gähnend leeren Athener Olympiastadions, drinnen ist eine Hundertschaft von Medienschaffenden in den Presseraum gedrängelt. Plötzlich herrscht Stille. Ein Mann mit grauen Haaren betritt den Raum, ein Blitzlichtgewitter prasselt auf ihn nieder. Dimitris Melissanidis, 62, laut Forbes-Liste 2011 auf Rang 211 der reichsten Menschen der Welt, setzt sich, holt einen Stapel Papiere hervor und schaut in die Runde, bevor er zum verbalen Großangriff ausholt. Ohne Umschweife sagt er: "Sie haben einen Krieg begonnen. Sie können den Krieg haben. Sie müssen nur wissen: Die Bombe wird alle mit sich reißen, wenn sie explodiert."

Eine Dreiviertelstunde lässt Melissanidis, Chef vom elfmaligen Meister AEK Athen, nach tiefem Fall derzeit Zweitligist, seinem Frust freien Lauf. Seine Gegner seien, so Melissanidis, in eine Vielzahl von Korruptionsfällen verwickelt, die die Grundfesten des griechischen Fußballs, der zuletzt auch auf Nationalteam-Ebene mit einem 0:1 gegen Färöer eine historische Niederlage einstecken musste, erschüttern. Er liest Fall für Fall vor, langsam, beinahe genüsslich. "Bis morgen Früh könnte ich das tun, so lang ist die Liste." Gefühlt betreffen die mutmaßlichen Verstöße, mit denen sich die Justiz zu beschäftigen hat, das halbe Strafgesetzbuch: Bildung einer kriminellen Vereinigung, versuchte Tötung, Betrug, Erpressung, Bestechung, Bestechlichkeit, Urkundenfälschungen, Spielmanipulationen mit oder ohne Wettbetrug, manipulierte Schiedsrichteransetzungen. Doch dies betreffe die anderen. Er selbst sei zwar auch "kein frommer Psalmsänger, sondern ein Mann des Fußballs". Doch sein Führungszeugnis sei sauber. Dies könne man "von vielen anderen griechischen Fußball-Funktionären wohl nicht behaupten". Der Umstand, dass ausgerechnet "diese Leute über die Säuberung reden, sei lächerlich. Mit pathetischer Überhöhung sagt er: "Es gibt keine Junta auf der Welt, die nicht gestürzt worden ist! Auch diese Diktatur wird fallen!" Wen er an allererster Stelle meint: Evangelos Marinakis, wie er einer der reichsten Griechen, Stadtrat in Piräus und Haupteigner von Rekordmeister und Champions-League-Teilnehmer Olympiakos Piräus.


Übergriff auf Schiedsrichter bringt Fass zum Überlaufen
Melissanidis, der Selfmademann, der ein Imperium aus einem global agierenden Treibstoff- und Öllieferanten sowie Baufirmen mit weltweit 3000 Beschäftigten und einem Umsatz von mehr als zehn Milliarden US-Dollar aufbaute, setzt zum Schlag unter die Gürtellinie an. Er sagt über Marinakis, dessen Vater schon Reeder war: "ein Muttersöhnchen". Gelächter im Publikum. Die Hafenstädter fanden diese Ausführungen jedoch nicht so lustig: Sie kündigten Strafanzeige gegen den AEK-Boss an. Die Beobachter sind sich einig: Es herrscht Krieg unter Griechenlands Fußball-Oligarchen. Eskaliert ist die Lage, nachdem Olympiakos-Boss Marinakis Mitte November behauptet hat, Melissanidis stehe hinter dem Übergriff auf Christoforos Zografos, den Vizepräsidenten des Schiedsrichter-Ausschusses, der zuvor auf offener Straße mit einer Eisenstange niedergeprügelt worden war. Melissanidis kündigte rechtliche Mittel gegen Marinakis an - wegen Beleidigung, verleumderischer Diffamierung und Beschimpfung.

Das Erste, was der Ex-Referee, der mittlerweile das Krankenhaus unter Bewachung verlassen hat, tat: Strafanzeige erstatten, formal gegen unbekannt. Dem Vernehmen nach habe er aber ausgesagt, dass er Anfang November nach der Partie zwischen Asteras Tripolis und Olympiakos Piräus, die nach umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen 0:0 endete, von einem Mann, der sich als Dimitris Melissanidis ausgegeben habe, angerufen und bedroht worden sei.

Seit der Attacke wenige Tage später brennt in Griechenlands Fußball der Hut. Obgleich der Pay-TV-Sender Nova, der die Rechte für die 18 Klubs umfassende Super League erworben hat, gedroht hat, Schadenersatzansprüche von zwei Millionen Euro pro ausgefallenen Spieltag zu stellen, bestand der Fußballbund darauf, so lange keine Referees zu bestimmen, bis "der Staat und die Fußball-Klubs die ersten Schritte tun, um den Schutz aller Involvierten zu gewährleisten". Daher ruhte der Spielbetrieb am vorigen Wochenende. Dem nicht genug, traten Liga-Präsident Dimitris Agrafiotis und sein Stellvertreter Stratos Sopilis zurück.

Der Ball rollt wieder,
die Probleme bleiben

Immerhin: Am Montag wählte die Super League in Georgios Borovilos einen neuen Präsidenten, auch ein Stellvertreter wurde bestimmt. Und: Der Betrieb wird am Wochenende wieder aufgenommen. Der Verband werde Schiedsrichter ansetzen, gab er bekannt. Die Fans haben von dem traurigen Schauspiel im Lande derweil jedenfalls die Nase voll, der Zuschauerschwund ist massiv. Zu allem Überfluss habe die europäische Fußball-Union (Uefa) dem Verband fünf neue Spiele aus dieser Saison gemeldet, die sie als verdächtig für Spielmanipulation mit Wettbetrug einstufe, berichten nun Medien. Darunter seien drei Partien von Piräus. Kein Wunder, dass sich Melissanidis Zeit nahm, auf diese Verdachtsmomente einzugehen. Auf das Ergebnis der Begegnung von Piräus gegen Veroia am vierten Spieltag seien in Singapur und Malaysia sechs Millionen Euro gewettet worden - mit Erfolg. Piräus siegte mit 3:0, die beiden letzten Treffer der Rot-Weißen fielen in der 88. und 92. Spielminute. "Wer hat nur so viel Geld für eine solche Wette übrig?", fragte Melissanidis.

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Dokument erstellt am 2014-11-27 17:11:11


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