• vom 11.07.2015, 09:00 Uhr

Fußball

Update: 11.07.2015, 14:29 Uhr

Fußball

Die Rückseite des Fußballs




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Von Alexander Belinger und David Eder

  • Im beschaulichen Steinbrunn findet ein Trainingscamp für arbeitslose Fußballer statt.

Mark Prettenthaler (links) ist auf Vereinssuche, Paul Gludovatz trainiert ihn freiwillig. - © Philipp Hutter

Mark Prettenthaler (links) ist auf Vereinssuche, Paul Gludovatz trainiert ihn freiwillig. © Philipp Hutter

In Steinbrunn im Burgenland halten sich die Fußballer fit, um später keinen zu großen Trainingsrückstand zu haben.

In Steinbrunn im Burgenland halten sich die Fußballer fit, um später keinen zu großen Trainingsrückstand zu haben.© Philipp Hutter In Steinbrunn im Burgenland halten sich die Fußballer fit, um später keinen zu großen Trainingsrückstand zu haben.© Philipp Hutter

Steinbrunn. "Bin ich angefressen!" Das Fußballfeld in Steinbrunn ist nicht markiert, Trainer Paul Gludovatz passt das gar nicht. Auch während des Trainingsspiels seiner Mannschaft gestikuliert er, springt auf und ab, schimpft: "Wir kriegen nur eine Chance! Die muss sitzen!" Es sind Worte, die nur einer vergebenen Torchance eines seiner Spieler gewidmet sind, und doch treffen sie die Situation seiner Mannschaft sehr gut. Keiner der Spieler hat einen Vertrag bei einem Verein, jeder ist beim AMS als arbeitslos gemeldet. Mit dem Training unter Gludovatz halten sich die Kicker fit und versuchen sich für Klubs zu empfehlen, auch wenn die trostlose Kulisse aus Feldern, Strommasten und den Blechbauten des Steinbrunner Industriegeländes ihre Beine zu erschweren scheint. Der langjährige ÖFB-Nachwuchscoach Gludovatz bezeichnet dies als "die Rückseite des Fußballs". "Es ist eine schwierige Situation für jeden Einzelnen hier", sagt Jürgen Macho.

Der Ex-Nationalteam-Keeper ist Torwarttrainer im Camp der vertragslosen Fußballer. Er bringt am anderen Ende des Platzes Martin Kraus, den aktuell einzigen Torwart von Gludovatz’ Mannschaft, ins Schwitzen. Vergangenes Jahr waren fünf Torhüter im Camp, heuer nur einer. Die Unterbesetzung ist aber keineswegs negativ, schließlich sei es ja das Ziel, dass die Spieler wo unterkommen, erklärt Macho. Parallel üben sich die Feldspieler in einer Fünf-gegen-fünf-Spielform, auch hier ist die Mannschaft am zahlenmäßigen Limit. Beäugt wird das äußerst übersichtliche Training von einer Hundertschaft Kindern, die im Rahmen des Fußballcamps vom SC Wiener Neustadt nach Steinbrunn gekommen ist. In ihren Augen leuchtet der Traum vom Profifußball, an die Kehrseite denken sie aber noch nicht.


Ein Kommen und Gehen
Der Traum vom Fußballprofi kann sich in der Realität ganz anders zeigen als in der kindlichen Vorstellung. Zwei Drittel der Spieler in der Sky Go Ersten Liga verdienen weniger als 30.000 Euro brutto im Jahr, die großen Vorbilder der Kinder aus der Champions League spielen finanziell in ganz anderen Ligen. Für viele Profifußballer ist der Traum vom großen Geld oft schon Mitte 20 vorbei. Die hohe Anzahl an Spielern, die aus den Akademien strömen, erschwert die Situation am Jobmarkt in Österreich. "Der Markt ist viel schlechter geworden", meint etwa Mark Prettenthaler, derzeit ebenfalls in Steinbrunn.

Prettenthaler, der zuletzt für Wiener Neustadt spielte, ist einer von mehr als hundert arbeitslos gemeldeten Fußballern in Österreich. Die Zahl ist zuletzt rasant angestiegen, waren es 2004 noch 46 arbeitslos gemeldete Fußballer, sind es 2015 schon 175. Ein Rückgang der Zahlen ist derzeit nicht in Aussicht. Deswegen fand auf Initiative der Fußballergewerkschaft VdF (Vereinigung der Fußballer) in Kooperation mit dem AMS vergangenes Jahr zum ersten Mal das Camp für die arbeitslosen Kicker statt. In anderen Ländern wie etwa in Deutschland oder in den Niederlanden gibt es solche Camps schon seit einigen Jahren. Sogar eine EM der Arbeitslosen wird ausgetragen, Österreich ist heuer erstmals mit dabei und schaffte es bis ins Viertelfinale gegen Spanien. Wen Paul Gludovatz aufstellt, entscheidet sich dabei stets sehr kurzfristig. Sein Kader verändert sich ständig, es ist ein Kommen und Gehen. Rund 50 Kicker haben sich vorab für das Camp angemeldet, erschienen sind nur 20. Viele haben bereits vor Trainingsstart noch einen Klub gefunden, der Kader von Gludovatz’ "Hackenstadn-Mannschaft", wie er sie humorvoll nennt, ist dünn besetzt.

Eine Frage des Alters
Erster und einziger Torhüter im Kader von Paul Gludovatz ist Martin Kraus. Wer spielt, wenn der weg ist? "Irgendwen haben wir immer noch gefunden", sagt Jürgen Macho. Der 21-jährige Kraus stammt aus dem Nachwuchs von Rapid, zuletzt spielte er für Austria Klagenfurt. Unterhalb der Regionalliga will er nicht spielen, aus Sorge, es nicht mehr nach oben zu schaffen. Er ist froh über die Möglichkeit, sich im Camp fit zu halten, dabei ein ordentliches Tormanntraining zu absolvieren und am Wochenende auch zu spielen. Bereits am 15. Juli schließt das Transferfenster in der Regionalliga, ein wichtiges Datum für Kraus. "Man hofft, dass durch irgendeinen Zufall noch ein Platz frei wird und man reinrutscht", sagt er über seine Situation. Kraus hat lediglich einen Abschluss aus der Handelsschule, an einen Schritt in den Amateurfußball und an eine Arbeit denkt er nicht: "Ich habe den Traum noch nicht aufgegeben. Mit 21 will ich es unbedingt schaffen und denke gar nicht an einen Plan B."

Auch für den 32-jährigen Mark Prettenthaler war die Ausbildung in jungen Jahren nebensächlich. Als er mit 19 seinen ersten Profivertrag unterschrieben hat, brach er sein kurz zuvor angefangenes Studium wieder ab. Ein Fehler, wie er heute eingesteht. Prettenthaler hat sich mittlerweile aber Gedanken über sein zukünftiges Berufsleben gemacht. Vor zwei Jahren hat er den Diplomlehrgang Immobilienmanagement abgeschlossen, zudem ist er als Makler in einem Unternehmen tätig. Trotz seiner verhältnismäßig guten Ausbildung sieht er Probleme: "Wenn man Mitte 30 mit dem Fußball aufhört, hat man noch keinen Tag in der Wirtschaft verbracht. Es ist null Praxis da und daher schwierig, Fuß zu fassen." Darüber, dass kein Vertragsangebot kommen könnte, mache er sich keine Gedanken. An den Leistungen würde es nicht scheitern, problematisch sei eher sein Alter. "Wenn man schon lange im Geschäft ist, hat man natürlich gewisse Gehaltsvorstellungen. Diese sind keineswegs ungerechtfertigt oder utopisch, in Österreich aber nicht erfüllbar." Paul Gludovatz unterstreicht diese Annahme: "Es spielt nicht der Bessere, sondern der Billigere."

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Dokument erstellt am 2015-07-10 16:59:05
Letzte Änderung am 2015-07-11 14:29:56


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