Madrid. Durch den Madrider Vorort Móstoles führt die "Avenida de Iker Casillas". Die Straße ist "San Iker", dem Heiligen Iker, wie Casillas in der spanischen Hauptstadt ehrfürchtig betitelt wird, gewidmet. Aus Móstoles, im Südwesten Madrids, kommt der Heilige, der bis vor kurzem das Tor der Königlichen von Real Madrid gehütet hat. Insgesamt 25 Jahre war er dem Verein treu, seit 1999 gehörte er dem Profikader an. Fünf spanische Meistertitel, zwei Pokalsiege und drei Champions-League-Titel holte Casillas mit Real. Erst 2014 folgte "La Décima", der langersehnte zehnte Triumph Reals in der Königsklasse. Casillas‘ Titelsammlung und Leistungen für das "Weiße Ballett" aus dem Bernabéu sind ein Denkmal für die Ewigkeit. Denkmalschutz ist jedoch keine Wohltätigkeit, die sich der Real Madrid Club de Fútbol auf die Fahnen schreibt – zumindest nicht unter Präsident Florentino Pérez. Spanische Medien sprechen davon, Pérez habe Casillas regelrecht davongejagt. "Suche dir einen anderen Verein", wird er von ebendiesen zitiert. Nachdem Casillas unter Tränen seinen Abschied verkündet hatte, ruderte Pérez zurück und bezeichnete Casillas als einen "unersetzlichen" Verlust und eine Legende, die er immer verteidigt hätte. So richtig glauben will den versöhnlichen Worten des Präsidenten niemand, zu sehr erinnert das Spiel mit dem langjährigen Helden der Fans an Reibereien aus der Vergangenheit.

Es war im Januar 2013, als erstmals am Denkmal Casillas gesägt wurde. Auf kritische Worte des damaligen Trainers José Mourinho folgte die Verpflichtung von Diego López, der unter dem portugiesischen Coach fortan zwischen den Pfosten stehen sollte. Casillas habe es an Strafraumbeherrschung gemangelt, so die Kritik. Zwar lässt sich anhand statistischer Daten belegen, dass Diego López in der Luft wesentlich sicherer als Casillas agierte, dass die Degradierung "San Ikers" zur königlichen Nummer zwei jedoch rein sportlichen Aspekten unterlag, ist zu bezweifeln. Immer wieder kursierten Mutmaßungen, Mourinho habe Casillas unterstellt, dass er seiner Frau, Sportreporterin Sara Carbonero, Interna aus der Madrider Umkleidekabine weitergegeben habe. Zudem sorgte Mourinhos konfrontatives und provokatives Auftreten gegen alle, besonders aber gegen den Erzrivalen FC Barcelona für Unruhe im spanischen Fußballadel. Die Duelle beider Klubs mutierten zur organisierten Eskalation, mit Casillas zwischen den Fronten, da er als Kapitän der spanischen Nationalmannschaft bei Länderspielen schließlich auch Barça-Spieler zu führen hatte. Auf Gerüchte, Spieler wie Sergio Ramos und Pepe würden ihren Verbleib bei Real an einen Abschied Mourinhos knüpfen, folgte in Madrid im Sommer 2013 der Trainerwechsel zu Carlo Ancelotti – ohne wissentlichen Kausalzusammenhang zu einem vermeintlichen Ultimatum an die Klubführung. Fortan war Casillas in Champions League und Pokal gesetzt, in der Liga aber blieb Diego López die Nummer eins. Das Selbstvertrauen des einst schier unfehlbaren Casillas schien weiter zu degenerieren und seine Fehleranfälligkeit stark zu steigen. Zwar gewann Real 2014 den excaliburgleichen zehnten Titel in der Champions League, Casillas‘ Leistungen fielen jedoch weiterhin ab und erreichten ihren Tiefpunkt bei der desaströsen Weltmeisterschaft Spaniens in Brasilien. Als Casillas im Halbfinale der Champions League im Mai 2015 gegen Juventus Turin in der Nachspielzeit einen Einwurf schnell ausführen wollte, blieb der Ball förmlich an seinen Handschuhen kleben, was pandemischen Spott zur Folge hatte und seiner Mannschaft die Chance auf einen letzten, vielleicht entscheidenden Angriff auf das Turiner Tor verwehrte.