Zürich. (may) Joseph Blatter sollte man mittlerweile gut genug kennen. Daher lagen viele Kommentatoren, die am Donnerstag nach der Suspendierung des Präsidenten des Weltfußballverbands Fifa vorschnell gemeint hatten, der 79-Jährige werde nun resignieren, falsch. Der Fußball-Potentat zeigt sich nämlich kämpferisch wie eh und je und will seinen Chefsessel nicht freiwillig vor dem von ihm festgelegten Übergabetermin - beim Fifa-Kongress am 26.Februar 2016 - räumen. Und daher hat er die 90-tägige Sperre durch die Ethikkommission auch beeinsprucht. Das Gleiche hat Fifa-Vize- und Uefa-Chef Michel Platini getan, der ebenso seinen dreimonatigen Ausschluss von allen fußballbezogenen Aktivitäten von einem Anwälteteam bekämpfen lässt.

Doch während der Franzose wohl längst alle Chancen verloren hat, bei der Präsidentenwahl eine Mehrheit zu bekommen, sind die Chancen, dass Blatter noch einmal auf den Fifa-Thron zurückkehrt, gar nicht einmal so schlecht. Selbst wenn die Ethikkommission den Bann um maximal 45 Tage verlängert, dann kann Blatter ab 21. Februar noch einmal sein Büro im Fifa-Hauptquartier in Zürich beziehen - und somit an seinem Nachfolgekongress Tage später ein letztes Mal das Zepter schwingen. Wer Blatter kennt, der weiß, dass er sich diese Chance nicht entgehen lassen wird.

Dennoch stellt sich nun die Frage, wer die Erben dieses Trümmerhaufens namens Fifa sein werden. Auch wenn Platini, dem eine dubiose Millionenzahlung von Blatter zum Verhängnis wurde und darob ebenso wie der Fifa-Boss im Visier der Schweizer Bundesstaatsanwaltschaft steht, alle Vorwürfe energisch zurückweist (diese seien "bloßer Anschein und erstaunlich vage") und wohl das unabänderliche Ende seiner Funktionärsambitionen noch nicht zu realisieren scheint - die Uefa rückt bereits deutlich von ihm ab. Die noch rasch von Platini vor dessen Sperre eingereichten schriftlichen Unterstützungserklärungen von fünf Fifa-Mitgliedsländern (Stichtag ist der 26. Oktober) sind wohl nur noch Makulatur, denn am kommenden Donnerstag legt sich die Uefa mit großer Wahrscheinlichkeit auf einen neuen Kandidaten fest. Es brauche "eine sehr schnelle finale Entscheidung", erklärte das Uefa-Exekutivkomitee, weshalb es in Nyon zu einem Dringlichkeitstreffen kommt. Da Platini aufgrund des Bannspruchs aktuell nicht einmal mehr seine Uefa-Geschäfte führen darf, ist ein Festhalten des größten Kontinentalverbandes an Platini äußerst unwahrscheinlich. Der logische Ersatzkandidat wäre nun Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußballbundes DFB. Denn der 64-Jährige wäre schon als Platini-Nachfolger an der Uefa-Spitze parat gestanden; und er war auch einer der Ersten, der nach der Suspendierung deutlich auf Distanz zu Platini gegangen ist und von einem "schweren Rucksack" sprach.

Figo, Zico, Maradona

Dass er erst kürzlich eine Kandidatur für den Fifa-Chefposten ausschloss und stattdessen seinen niederländischen Kollegen Michael van Praag ins Spiel brachte, muss nicht viel bedeuten. Tatsächlich wäre Niersbach der einzige Kandidat der Uefa, der das Format, die Reputation und den sportpolitischen Rückhalt hätte, um ernsthaft ein Wörtchen um die Blatter-Nachfolge mitzureden. Luís Figo, der ursprünglich in Mai gegen Blatter antreten wollte, dann aber zurückzog, hätte vielleicht mehr Charisma, dem Portugiesen fehlt aber jegliche Erfahrung auf Funktionärsebene.

Ähnlich steht es um all die anderen prominenten Kandidaten, die sich zuletzt selbst ins Spiel gebracht haben und von ihrer Strahlkraft als Weltklassefußballer zehren: So ließ Diego Maradona, mittlerweile 54 Jahre alt, wissen, er fühle sich stark genug, um an die Spitze der Fifa zu treten. Auch die brasilianische Legende Zico (62) hegt ähnliche Ambitionen. Ob sie überhaupt die nötigen Unterstützer auftreiben können, wird man spätestens am 26. Oktober wissen.

Aussichtsreicher ist da schon der jordanische Prinz Ali bin al-Hussein unterwegs, der als Einziger den Mumm hatte, Blatter im Mai die Stirn zu bieten und im ersten Wahlgang immerhin das Resultat von 73:133 Stimmen schaffte. Seit kurzem neu im Spiel ist auch der südafrikanische Politiker und frühere Anti-Apartheid-Aktivist Tokyo Sexwale, der in Franz Beckenbauer einen einflussreichen Unterstützer hat. Vielleicht auch deshalb, weil Beckenbauer kein allzu großer Freund von Niersbach ist.