Berlin. (art) Im deutschen Fußball-Team war’s wahrscheinlich auch schon einmal lustiger. Die bunten Bilder vom Sommer 2014 aus Berlin, als die DFB-Elf sich von hunderttausenden Fans als frisch gekürter Weltmeister feiern und von Helene Fischer besingen ließ, sie wirken wie aus einer anderen Welt; das 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien mag zwar Brasilien noch immer beschäftigen, die Deutschen indessen, von denen viele geglaubt hätten, wie würden den Fußball über Jahre dominieren, haben heute ganz andere Probleme. Vor dem Testspiel gegen England am Samstag in Berlin (20.45 Uhr) und am Dienstag gegen Italien jagte eine Negativschlagzeile die andere. Zunächst sorgte der vorläufige Rauswurf des Wolfsburgers Max Kruse wegen dessen nächtlicher Aktivitäten für Kontroversen, mit deren Ausmaß Teamchef Joachim Löw wohl nicht gerechnet hatte, danach verletzte sich Kapitän Bastian Schweinsteiger derart am ohnehin schon lädierten rechten Knie, dass sein Einsatz in den anstehenden Partien gegen England und am Dienstag gegen Italien illusorisch, eine EM-Teilnahme zumindest fraglich ist.

So weit wollte Löw noch nicht gehen, er habe Schweinsteiger gesagt, "dass ich ihn für die EM keinesfalls abschreibe", betonte der Trainer. Auch der leidenserprobte Mittelfeldspieler will den Kampf gegen die Zeit nach seinem Innenband-Teilriss nicht aufgeben. "Ich muss die Situation annehmen, wie sie ist. Und das werde ich auch", erklärte er. Doch viele zweifeln daran, dass Schweinsteiger bis zur EM, bei der Deutschland in der Gruppenphase auf die Ukraine, Polen und Nordirland trifft, zu jener Form zurückkehrt, mit der er dem Team in den entscheidenden Situationen helfen kann; manche gehen aufgrund des Krankenakts des 31-Jährigen sogar davon aus, dass er sie nie wieder erreichen wird.

Doch Schweinsteiger und Kruse, der ohnehin nie ein Lieblingsschüler Löws war, sind nicht dessen einzige Problemkinder. Für die Spiele gegen England und Italien, das am Donnerstag bei einem 1:1 gegen Spanien eine starke Leistung hinlegte, fallen auch die beiden Innenverteidiger Jérôme Boateng und Benedikt Höwedes aus, andere Spieler wie André Schürrle und Mario Götze, Siegtorschütze im WM-Finale gegen Argentinien, nach seiner jüngsten Verletzung bei Bayern nur Reservist, sind völlig außer Form, wieder andere haben ihre Karrieren danach beendet. Die Lage, die auch Teammanager Oliver Bierhoff noch einigermaßen euphemistisch als "sicher keine leichte Zeit" beschreibt, hat zuletzt sogar immer wieder Anlass zu Fragen über mögliche Rückholversuche Philipp Lahms gegeben. Für Löw ist das "keine Option", vielleicht hat Lahm ja gespürt, dass nach dem WM-Titel auf Team-Ebene nicht mehr viel kommen kann. Denn in der momentanen Verfassung, in der man sich zwar als Gruppensieger letztlich souverän, aber spielerisch wenig überzeugend für Frankreich qualifiziert hat, ist Deutschland kaum als großer Favorit auf den EM-Titel zu bezeichnen. Freilich könnten gute Spiele gegen England und Italien helfen, das angeknackste Selbstbewusstsein wieder aufzupolieren, die Negativschlagzeilen rund um das Team und den wegen der WM-2006-Vorwürfe taumelnden Verband zu verdrängen und eine zunehmend kritische Öffentlichkeit wieder milder zu stimmen.

Gegen England setzt Löw dabei auch auf den für die WM nicht
berücksichtigten Mario Gómez - weil dieser, wie Löw sagt, nach seinem
Wechsel zu Beşiktas wieder "spürbar mehr Selbstbewusstsein, wieder seine alte Sicherheit" hat. Vielleicht aber auch, weil er als kopfballstarker und wuchtiger Mittelstürmer derzeit alternativlos ist.