Warrington. (art) Es war eine spontane Einlage vor dem Gericht im englischen Warrington, in der sich alle Emotionen aus 27 Jahren entluden. Als die Jury, die mit der juristischen Aufarbeitung der Hillsborough-Katastrophe von 1989 beschäftigt war, die Schuld daran in ihrem Urteil massiven Fehlern der Polizei, der Organisation und den Rettungskräften gab und die Opfer von jedem Fehlverhalten freisprach, lagen sich draußen deren Familien mit Tränen in den Augen in den Armen, stimmten danach geschlossen die Fanhmyne "You’ll never walk alone" an, hielten Plakate hoch und schwenkten Fahnen mit der Aufschrift des FC Liverpool oder einfach nur dem simplen Wort "Justice". Denn auf die Gerechtigkeit, die ihnen nun widerfuhr, hatten sie lange gewartet, viel zu lange waren die Fehler von jenem 15. April 1989, die in der größten Katastrophe mündeten, die der europäische Fußball je erlebt und die diesen nachhaltig verändert hat, verschwiegen oder gar vertuscht worden. Doch nun steht gerichtlich bekundet fest: Zu der Massenpanik, bei der 96 Fans des FC Liverpool den Tod fanden, hatte in erster Linie behördliches Versagen geführt. Die Staatsanwaltschaft prüft nun auf dieser Basis Anklagen gegen Verantwortliche von damals.

Es war das FA-Cup-Halbfinale im Hillsborough-Stadion von Sheffield zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest, als durch das Öffnen eines zusätzlichen Tores die Massen ungehindert ins Stadion strömen konnten, obwohl drinnen die Menschen bereits zusammengepfercht an die Zäune gedrängt standen. Die Tore zum Spielfeld, die die einzige Fluchtmöglichkeit hätten bieten können, blieben jedoch verschlossen; die Menschen, viele davon Kinder und Jugendliche, erstickten oder wurden zu Tode getrampelt, auch die Rettungsaktionen wurden viel zu stümperhaft begangen. Zu diesem Schluss war schon vor drei Jahren eine unabhängige Untersuchungskommission gekommen, ihr Leiter James Jonas sagte damals: "Das Dokument zeigt, dass die Tragödie nie hätte passieren dürfen", er machte "gravierende Fehler" sowie in der Aufarbeitung "klare Versuche, den Fans die Schuld zu geben" deutlich und folgerte: "Das zeigt, wie verwundbar Opfer, Überlebende und deren Familien sind, wenn Transparenz und Verantwortungsgefühl kompromittiert werden." Denn die Behörden hatten ihre Fehler nicht nur nicht zugegeben, sie hatten auch die Wahrheit durch manipulierte Zeugenaussagen bewusst ins Gegenteil verkehrt - im wahrsten Sinne des Wortes und mit großzügiger Unterstützung der Boulevardzeitung "The Sun": Diese hatte unter dem Titel "The Truth" randalierende und stark alkoholisierte Fans als Verantwortliche für die Katastrophe ausgemacht. Selbst die damalige Premierministerin Margret Thatcher sprach von einem "betrunkenen Mob" als Verursacher. Ihr späterer Nachfolger Cameron nahm 2012 anlässlich des Jonas-Reports als erster hochrangiger Politiker die gegensätzliche Stellung ein. "I’m profoundly sorry", sagte er in einer öffentlichen Ansprache, gestand ein, dass den Opfern "doppeltes Unrecht" widerfahren sei und meinte: "Bei einer besseren Abwicklung hätten mehr Menschen gerettet werden können."

Das nunmehrige Urteil des Gerichts in Warrington nahm auch er mit Freude auf, über Twitter nannte er es einen "Meilenstein" und eine "längst überfällige Gerechtigkeit für die 96 Liverpool-Fans, die bei dem Desaster gestorben sind". Neben zahlreichen Fußballern teilte auch der ehemalige Liverpool-Trainer Rafael Benítez die Genugtuung: "Nach so vielen Jahren Kampf um Gerechtigkeit bin ich wirklich froh über das Urteil heute, das bestätigt, was wir schon lange gesagt haben", sagte er dem "Guardian". "Besonders froh bin ich für die Familien der 96, die so lange so würdevoll nach Gerechtigkeit gesucht haben, für die Menschen in Liverpool und die Fußball-Fans im Allgemeinen. Hoffentlich stellt dieses Urteil sicher, dass eine Tragödie dieser Art nie wieder passiert." Jedenfalls sorgte es für einen jener Momente von Einigkeit, die im internationalen Fußball selten sind.