Wien. Wenn Willy Schmieger kommentierte, lauschten die Massen, in Cafés und Wirtshäusern, sogar auf dem Heldenplatz. Am 7. Dezember 1932 folgten dort rund 10.000 Menschen der Direktübertragung via Lautsprecher, als Österreich mit seinem Wunderteam an der Stamford Bridge in London gegen England, das "Heimatland des Fußballsports", wie die "Wiener Zeitung" schrieb, antrat. Sogar die Sitzung des parlamentarischen Finanzausschusses wurde an jenem Tag unterbrochen.

Schmiegers Übertragungen waren bereits damals legendär, und sie waren Vorläufer davon, was heute unter Public Viewing firmiert. Die Motivlage hat sich seither geändert. Bei den frühen Radioübertragungen ging es primär um die schnelle, direkte Information und das Faszinosum eines noch relativ neuen Mediums, das spielt mittlerweile keine Rolle mehr. Heute geht es ums Erlebnis, denn Fußballschauen ist längst nicht gut genug, der Fußball muss heute erlebt werden. Das ist freilich nur konsequent in einer Zeit, in der selbst Güter des alltäglichen Bedarfs wie Brot, Salz und sogar Wasser zu sinnlichen Erlebnissen hochstilisiert werden.

Der Lehnbegriff des Public Viewing hat erst vor zehn Jahren Eingang in die deutsche Sprache gefunden, im Zuge der WM 2006 in Deutschland. Erstmals wurde eine offizielle Fanzone organsisiert, Hunderttausende kamen zu den Übertragungen. Seither sind Veranstalter von internationalen Meisterschaften dazu verpflichtet, eine Public-Viewing-Area in den Austragungsorten einzurichten.

Die Fifa hatte spät reagiert, da schon längst in vielen Ländern diese kollektiven Open-Air-Events abgehalten wurden, in Österreich etwa im Votivpark schon während der Euro 2000. Schon damals kamen teilweise mehrere Tausend, um sich die EM - ohne österreichische Beteiligung - in der Masse zu geben.

Diesmal gibt es in allen Landeshauptstädten, meist im Stadtzentrum, große Public-Viewing-Zonen samt Gastronomie: in Graz am Karmeliterplatz, in Salzburg im Volksgarten und in Innsbruck auf dem Sparkassenplatz. In Wien werden die größten Open-Air-Fanzonen auf dem Rathausplatz und vor dem Hauptbahnhof eingerichtet. Es sind jene Events, die gerne mit "Stadionatmosphäre" werben, doch es ist nur eine Annäherung daran. Wirklich authentisch ist die Stadionatmosphäre nicht, zumal die Zeit von unüberdachten Stehplätzen in Fußballstadien eher vorbei ist. Aber zumindest die Warteschlangen vor den Klos sind meist ählich lange.

Der ORF als Rechteinhaber hat für die EM diesmal 370 Lizenzen verkauft, so viele wie noch nie. Sie müssen bei Veranstaltungen mit mehr als 300 Besuchern erworben werden und ebenso, wenn die Events gesponsert sind oder Eintritt verlangt wird, also ein direkter kommerzieller Nutzen aus den TV-Übertragungen gezogen wird. Public Viewing ist ein Geschäft geworden.

In Wien hat sich in den vergangenen zehn Jahren eine Reihe von größeren Events etabliert, manche kommen nun neu dazu. Abgesehen von den quasi offiziellen im öffentlichen Raum bietet die Strandbar Herrmann eines der größten Public Viewings an. Das Publikum ist zwar gemischt, aber tendenziell jünger, auch international, wobei die Strandbar bei vergangenen Turnieren vor allem bei Deutschen besonders beliebt war.

Ebenfalls groß und Beach: Die neu übernommene Pratersauna, die direkt zur EM als Sauna Strand Klub eröffnet und den Kick mit Party und Musik verbindet. Sonnenliegen können reserviert werden.

Im WUK schlägt FM4 wie gewohnt sein "EM-Quartier" auf, das bei Regen auch nach drinnen verlegt werden kann. Über Fußball wird im WUK auch gesprochen, beim ersten Auftritt Österreichs etwa kommt Science-Buster Martin Puntigam vorbei. Der Eintritt im WUK ist frei. Unweit, im Alten AKH, ist auch bereits ein traditionelles Public Viewing eingerichtet - vor allem bei Biertrinkern durchaus gern besucht.

Entlang des Donaukanals wird es etliche größere und kleinere Public Viewings geben, wie gewohnt vor dem Flex sowie nun auch auch an der Spittelauer Lände beim Canal de Goal der Grellen Forelle, sowohl davor auf der Terrasse als auch bei Schlechtwetter im Inneren des Klubs. Bei Wuzler und Playstations kann man selbst tätig werden, es gibt zudem einen VIP-Bereich - der Eintritt in den Klub nach den Partien ist dann schon dabei. Der normale Eintritt zum Canal de Goal beträgt zwei Euro.

Ebenfalls am Kanal liegt die Summerstage, die Fußball mit internationaler Küche verbindet. Die Atmosphäre hier ist etwas gediegener und ruhiger, das Publikum durchschnittlich ein wenig älter als bei den Nachtklubs unten beim Wasser. Noch ein bisserl gediegener dürfte das erstmals veranstaltete Public Viewing im Kursalon Hübner werden, ebenfalls mit der Option, bei Regen nach drinnen zu wechseln. Einige Veranstalter von gehobeneren Clubbings schlossen sich für diesen Event zusammen. Reservierungen werden angenommen.

Wer wirklich Stadionatmosphäre zum Fußball benötigt, muss entweder auf die Hohe Warte oder den Austria-XIII-Platz in Hütteldorf, wo in eher kleinerem Rahmen gemeinsam geschaut wird. Auf dem Vienna-Platz ist Größeres geplant, bis zu 3000 Zuschauer haben hier Platz, teilweise überdacht, zudem können auch Gruppen ab acht Personen eigene Tische mieten.