Lille. Am 13. Juli 2014 hat sich der Kreis für Joachim Löw fürs Erste geschlossen. Zehn Jahre davor war er von Jürgen Klinsmann, dem Nachfolger des bei der vorangegangenen EM völlig glücklosen Teamchefs Rudi Völler, als Co-Trainer zum DFB geholt worden, nachdem die Austria ihn trotz Tabellenführung in Österreich vor die Tür gesetzt hatte. Es sollte sich für den Schwaben im Nachhinein als segensreichster Rauswurf seines Lebens erweisen: Löw bastelte mit Klinsmann an einem Neuanfang und, getragen von der Euphorie der Fans, am Mythos Sommermärchen bei der Heim-Weltmeisterschaft 2006, bei der man schließlich den dritten Platz belegte, sich aber als Sieger fühlte. Als Klinsmann seinen Vertrag danach nicht verlängerte, war die Nachfolgeregelung mit Löw nur konsequent.

Nach einer Finalteilnahme bei der EM zwei Jahre später in Österreich und der Schweiz sowie zwei Halbfinale bei der WM 2010 in Südafrika und der Europameisterschaft 2012 in der Ukraine und Polen war Löw vor zwei Jahren am Karrieregipfel angelangt: Deutschland kämpfte sich durchs kräfteraubende Turnier in Brasilien und holte mit einem 1:0-Sieg nach Verlängerung im Finale gegen Argentinien den Titel. "Ich habe diesen großen Erfolg sehr genossen. Jetzt habe ich gemerkt: Man strebt immer wieder danach", sagt Löw heute, kurz vor dem Auftaktspiel der Deutschen in Gruppe C gegen die Ukraine am Sonntag in Lille (21 Uhr).

Der Weltmeister stellt die jüngste Mannschaft

Nach der WM 2014 jedenfalls waren sich die Deutschen, aber auch viele internationale Experten sicher: Schwarz-Rot-Gold würde über viele Jahre die Modefarbe im Fußball sein. Doch zwei Jahre danach ist die Euphorie deutlich abgeklungen. Zum einen gibt es nach wie vor Ungereimtheiten, Steuerhinterziehungs- und Korruptionsvorwürfe rund um die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland, die auch schon den Rücktritt von Verbandschef Wolfgang Niersbach zur Folge hatten; zum anderen ist die Mannschaft in der Qualifikation für dieses Turnier nicht gerade weltmeisterlich aufgetreten. Zwar hat man die Gruppe schließlich als Erster beendet, den Fixplatz konnte man sich aber erst am allerletzten Spieltag sichern. Und schon gibt es leise Stimmen, die sich fragen, ob sich das System Löw nicht schon totgelaufen hätte. Immer wieder werden Aufstellung und Taktik kontrovers diskutiert; und auch die Nominierung des endgültigen EM-Kaders hatte diesbezüglich einigen Stoff geliefert. In Julian Weigl, Leroy Sané und Jonathan Tah vertraut Löw auf 20-jährige Talente mit wenig Länderspielerfahrung, dazu kommt der kaum ältere Joshua Kimmich. Es wird einer der Knackpunkte für Fußball-Deutschland sein, wie die Boy-Group, die den Altersschnitt auf 25,81 Jahre senkt und die Mannschaft damit zur jüngsten des Turniers macht, mit den äußeren Umständen und dem Druck umgehen kann.

Verletzungs- und
andere Sorgen

Freilich ist die Frischzellenkur einerseits ein Indiz für die hervorragenden Strukturen im Nachwuchs und ein wegweisendes Zeichen in die Zukunft. Andererseits hat Löw sich aber auch nicht ganz freiwillig dazu entschieden: Tah wurde etwa erst vor wenigen Tagen wegen der Verletzung von Innenverteidiger Antonio Rüdiger nachnominiert. Überhaupt war der körperliche Zustand einiger ehemaliger (oder potenzieller) Leistungsträger ein weiteres Dauerthema in der deutschen Öffentlichkeit, versinnbildlicht durch Marco Reus, der kurz vor der WM ein bitteres Déjà-vu erlebt hat: Konnte er den Siegeslauf in Brasilien wegen einer Fußverletzung nur als Zuschauer erleben, machte ihm diesmal eine Schambeinentzündung einen Strich durch die Revanche-Rechnung. Doch auch im aktuellen Kader wird gehumpelt: Mats Hummels und Bastian Schweinsteiger, zwei von 14 aktuellen Weltmeistern im Team, werden gegen die Ukraine wohl noch nicht dabei sein können, zumindest nicht über die volle Distanz. Inwieweit sie im Turnierverlauf in den Vollbesitz ihrer Kräfte kommen, die es braucht, um die vier Wochen zu überstehen, wird eine zentrale Frage sein - ebenso wie jene, ob sich Mario Götze, vom Siegtorschützen von Maracanã zum Sorgenkind mutiert, und andere, die bei ihren Klubs zuletzt keine guten Zeiten hinter sich haben, im Team steigern können. Doch auch in Brasilien hat es derlei Fragen gegeben, der Teamchef fand - wiewohl auch damals bisweilen kritisiert - immer Antworten. Deswegen sagt er auch jetzt: "Wir glauben schon an unsere Stärken. Wenn wir die ausspielen und die Mentalität stimmt, haben wir gute Chancen."