Wien/Bordeaux. "Wer spielt denn heute?" - "Österreich-Ungarn." - "Gegen wen?" So alt und abgedroschen dieser Schmäh auch ist, so erntet er in diesen Tagen, in denen sich das österreichische Nationalteam in Frankreich auf das EM-Gruppenspiel am Dienstag gegen Ungarn vorbereitet, wieder fleißig Lacher. Historisch gesehen ist das freilich Unfug, hat es doch so etwas wie eine k.u.k. Nationalmannschaft, die unter dem Banner des Doppeladlers gemeinsam gegen die internationale Konkurrenz angetreten wäre, nie gegeben. Nun waren zwar beide Länder Teil derselben Monarchie, politisch (und sportlich) aber eigenständige Einheiten. So sah es nun einmal die Ausgleichsverfassung von 1867 vor.

Pepi Blum (r.) hatte 1932 trotz des 8:2-Sieges Österreichs gegen Ungarn viel zu tun. - © Huber, Tagebuch/Hilscher
Pepi Blum (r.) hatte 1932 trotz des 8:2-Sieges Österreichs gegen Ungarn viel zu tun. - © Huber, Tagebuch/Hilscher

Was die Nationalmannschaften in Österreich und Ungarn hingegen bis heute eint, ist die gemeinsame Geburtsstunde, an der die Fußball-Brüder vor rund 114 Jahren erstmals als Teams öffentlich in Erscheinung traten. Tatsächlich kann man das Länderspiel zwischen Österreichern und Ungarn, das am 12. Oktober 1902 am Wiener WAC-Platz vor rund 500 Zuschauern angestoßen wurde, getrost als historisches Ereignis bezeichnen. Der anwesende englische Schiedsrichter Roland Shirles wird wohl gewusst haben, warum: Noch nie zuvor waren in Europa zwei nicht-britische Nationalteams auf dem Rasen zusammengetroffen. Und auch dass die Partie mit einem 5:0-Sieg für die Gastgeber endete, hatte niemand erwartet. Auch nicht der Sportreporter des "Tagblatts". "Die beiden Mannschaften bedrängten einander gleichmäßig, wobei sich auf Seite des Wiener Teams gutes Schußvermögen geltend machte", heißt es in dem vierzehnzeiligen Spielbericht. "Bei den Ungarn ragte die Vertheidigung durch ihre Leistungen hervor, allein sie war nicht im Stande, die flinken und geschickten gegnerischen Stürmer in Schach zu halten." Gemeint war damit unter anderem der spätere "Welttorjäger" Johann Studnicka. Er steuerte zum Ergebnis gleich drei Treffer bei.

Das Spiel in Wien markierte aber erst den Beginn einer mehr als hundert Jahre währenden Fußball-Partnerschaft. Die Begegnung zwischen Österreich und Ungarn wurde bis dato 136 Mal ausgetragen und ist damit nach dem Südamerika-Klassiker Argentinien - Uruguay (198 Spiele) die zweithäufigste Länderspielpaarung der Welt.

8:2-Sieg auf der Hohen Warte

Allein zwischen 1902 und 1908 trat die heimische Nationalelf, die damals Spieler aus verschiedenen Kronländern, allen voran aus Böhmen, beherbergte, zu zehn Länderkämpfen an - alle gegen Ungarn (fünf Siege, ein Unentschieden, vier Niederlagen, 25:20 Tore). Erst beim elften Turnier am 6. Juni 1908 hatte sie mit England (1:6-Niederlage) einen neuen Gegner zu Gast. Bis in den 1930er Jahre sollten sich die Duelle zwischen den Reichshälften jährlich wiederholen. Durchgespielt wurde auch während des Ersten Weltkrieges, nachdem den Teams mit Ausnahme Deutschlands und der Schweiz so gut wie alle Spielpartner abhandengekommen waren.

Den höchsten Erfolg gegen eine ungarische Mannschaft fuhr Österreich, das seit 1918 zur Republik geschrumpft war, am 24. April 1932 ein, als man die "Bacsi" auf der Hohen Warte mit 8:2 deklassierte. Es war die Zeit des so genannten Wunderteams rund um Stürmerstar Matthias Sindelar und Teamchef Hugo Meisl, das bis dahin in 14 Spielen ungeschlagen geblieben war. Den Weg in den Olymp schafften aber die Ungarn - und zwar bei den Weltmeisterschaften 1938 und 1954, wo man immerhin das Finale erreichte. In Erinnerung geblieben ist vor allem das Endspiel gegen die junge BRD 1954, das aber trotz 2:0-Führung doch noch 2:3 verloren ging und als "Wunder von Bern" - Österreich wurde WM-Dritter - in die Geschichte einging. Bis heute wird das damalige Team rund um Kapitän Ferenc Puskás, das 1953 als erste europäische Mannschaft Fußballkönig England daheim wie auswärts düpiert hat und in der Folge bei Olympia dreimal Gold holte, in der Heimat als "Aranycsapat" (Goldene Elf) verehrt.

Niedergang nach 1956

Einen Beitrag zu dieser Legende leistete auch die nach wie vor starke Rivalität zu Österreich. Duelle zwischen den beiden Nationen waren stets Garant für Massenbesuch, wenn auch die Bilanz eindeutig zugunsten der Ungarn ausgeht: 66 Siege stehen hier 30 Remis und 40 Niederlagen gegenüber. Mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen 1956 in Budapest und der Flucht vieler Stars in den Westen setzte bald der Verfall des magyarischen Fußballs ein, die Häufigkeit der österreichisch-ungarischen Länderspiele nahm ab, und auch international vermochte die Elf des von den Kommunisten eingesetzten Coachs Lajos Baróti - von zwei Viertelfinalteilnahmen bei den Weltmeisterschaften 1962 und 1966 abgesehen - nicht mehr zu punkten. Bis zuletzt war Ungarn ein nur wenig gefürchteter Gegner, die letzte große Turnierteilnahme (WM in Mexiko) liegt bereits 30 Jahre zurück.

Dementsprechend groß wurde daher auch die erfolgreiche Qualifikation für die Euro 2016 gefeiert. Und dabei hatte Ungarn, das in Gruppe F Rang drei hinter Nordirland und Rumänien belegt hatte, noch Glück - erst ein Play-off-Sieg gegen Norwegen bescherte dem Land das erste EM-Ticket seit 44 Jahren. Für diesen Erfolg verantwortlich zeichnet unter anderem der deutsche Coach Bernd Storck, der sein nicht gerade von Top-Stars gespicktes Team nach Frankreich führen konnte.