Paris/Wien. (sir) Witali Mutko stand auf dem Rasen, winkte den russischen Fans zu und ballte die Faust. Seine Mannschaft hatte England in letzter Minute ein 1:1 abgenötigt. Direkt vor Mutko rangen Ordner einen russischen Fan nieder, Sekunden später begannen im Stade Vélodrome Ausschreitungen, die mutmaßlich von russischer Seite ausgelöst wurden. Und Mutko, der Sportminister und Verbandschef? "Es gab keine Zusammenstöße, das ist alles übertrieben."

Die Uefa hat eine andere Sichtweise, sie verhängte über den russischen Verband nicht nur eine Strafe von 150.000 Euro, sondern schloss die Mannschaft auf Bewährung aus der EM aus. Sollte es, so die Disziplinarkommission (unter dem Vorsitz des Österreichers Thomas Partl), bei einem weiteren Spiel zu Vorfällen im Stadion kommen, wird die Bewährung aufgehoben und Russland aus der EM ausgeschlossen. Schon vor vier Jahren hatte die Uefa den russischen Verband belangt, nachdem es zu Krawallen mit polnischen Fans gekommen war. Eine Bewährungsstrafe lief mit Ende der EM-Qualifikation ab.

Vor dem Urteil ruderte Sportminister Mutko etwas zurück, und auch der Kreml war am Dienstag um verbale Schadensbegrenzung bemüht. Die Ausschreitungen seien "völlig inakzeptabel", erklärte Kremlsprecher Dmitri Peskow, der auch Kritik an Aussagen von Moskauer Politikern übte. So hatte der rechtsgerichtete Parlaments-Vizepräsident Igor Lebedew erklärt, er finde nichts Schlimmes an kämpfenden Fans. "Im Gegenteil, gut gemacht, Jungs. Weiter so!", schrieb er auf Twitter.

Lebedew sitzt auch im Vorstand des Fußballverbandes, der zudem dem rechtsradikalen Akivisten Alexander Shprygin eine Akkreditierung gab. Shprygin, der auf einem Foto einmal mit Hitlergruß abgebildet wurde, ist Lebedews Assistent und Präsident der russischen Fanvereinigung. Am Dienstag saß Shprygin in einem Bus russischer Fans, der von der Polizei stundenlang in Lille festgehalten wurde. Einige der Passagiere sollten aus Frankreich ausgewiesen werden. Auf Twitter schrieb Shprygin, dass die Polizei keine Vorwürfe gegen ihn erhob. Alle Passagiere wurden jedenfalls zur Polizei gebracht.

Gutes Verhältnis mit Kreml

Auch wenn es Spekulation ist, da wie dort bewusste Provokationen zu orten, können die beidseitigen Reaktionen auf die Krawalle sehr leicht als solche verstanden und ausgeschlachtet werden. Und sie werden kaum dazu beitragen, das ohnehin angespannte Verhältnis mit Russland zu entschärfen, jenem Land, das in zwei Jahren die WM ausrichten wird.

Als die Weltmeisterschaft vor fünf Jahren an Russland vergeben wurde, drehten sich die Bedenken des Westens primär um die schlechte Infrastruktur und die Korruption im Land. Auch der grassierende Hooliganismus war ein Thema. Seither aber hat sich die Lage verändert. Die oft rechtsextremen, jedenfalls aber nationalistischen Fan-Gruppen standen in den Jahren davor tendenziell in Opposition zu Wladimir Putin und protestierten einmal sogar zu Tausenden vor dem Kreml.

Das Verhältnis zum Kreml hat sich geändert, wie sich auch Putins Politik über die Jahre geändert hat und zunehmend nationalistischer geworden ist. Spätestens seit der Ukraine-Krise sehen sich die Hooligans selbst, wie Kenner der Szene berichten, als Soldaten des Kreml.

Teamchef warnt die Fans

Es wird daher interessant sein, wie der Kreml in den Jahren bis zur WM dieses Problem lösen wird; einerseits muss er für Ordnung sorgen, wenn die Welt im Sommer 2018 in Russland gastiert, andererseits ist es derzeit schwer vorstellbar, dass Putin diese Szene mit extremen Repressalien mehr oder weniger zerschlägt. In der Ukraine beispielsweise hatte die dort ebenfalls aktive Hooligan-Szene eine wesentliche Rolle bei den Protesten am Maidan.

Am Mittwoch treten die Russen in Lille gegen die Slowakei an. "Wir müssen unbedingt jede Gefahr vermeiden, vom Turnier ausgeschlossen zu werden", sagte Teamchef Leonid Sluzki am Dienstag. Auch der Kreml ersuchte die Fans, auf keine Provokationen einzusteigen. Dabei geht es weniger um die Fans der Slowakei als um die Partie am Donnerstag zwischen Wales und England. Denn die findet nur 30 Minuten entfernt in Lens statt.