Toulouse. Der Befund, dass die Italiener eher chancenlos sein werden, kennt man von der WM 2006: ein Manipulationsskandal, schwache Testspiele, ein Teamchef im Zwielicht. Dann wurde Italien Weltmeister. Sechs Jahre später, in Polen und der Ukraine, war Italien erneut angezählt. Wieder ein Skandal, diesmal um Wetten, ein Teamspieler musste deshalb aus dem Kader gestrichen werden, zudem rutschte die Squadra vor der EM in eine Formkrise, verlor drei Partien en suite. Dann kam Italien ins Finale.

Und diesmal? Ja, diesmal sprach wieder einmal nichts für die stolze Fußballnation. Kein einziger Klub aus der Serie A erreichte in den beiden Europacupbewerben das Viertelfinale, die Liga ist ein ewiger Sanierungsfall, langjährige Mitglieder sind abgestiegen, kleine Klubs mit durchaus fragwürdiger Belegschaft nach oben gekommen. In der kommenden Saison etwa wird erstmals der FC Crotone ganz oben spielen. Dessen Präsident, Raffaele Vrenna, ist der Enkel von Luigi Vrenna, der nach dem Krieg die örtliche Mafia aufbaute.

Seit Jahren schon sind die vielen Legionäre in der Serie A ein Thema. Deren Anzahl liegt deutlich über jener der spanischen Primera División, und bemerkenswert ist auch der Altersdurchschnitt von 27,5 Jahren in der Serie A. In den großen Ligen Europas liegt er drei bis vier Jahre darunter. Und die Jungen spielen in Italien auch kaum, allein Milan könnte eine ganze Elf von jungen Talenten auf den Rasen stellen. Könnte. Sie spielen fast nie.

Team der Namenlosen

So gesehen ist es wohl auch kein Zufall, dass die Italiener bei dieser EM mit einem Team der Namenlosen ins Turnier gehen. Man muss schon ziemlicher Insider sein, um Spieler wie Alessandro Florenzi, Marco Parolo, Éder oder Graziano Pellè zu kennen. Letzterer ist erst vor eineinhalb Jahren mit 29 Jahren zum Teamspieler geworden, nachdem er bei Southampton durch regelmäßiges Torschießen auffällig wurde.

Die Laufbahn Pellès ist symptomatisch für Italien. Er hat schon bei neun Vereinen gespielt, am Beginn seiner Karriere wurde er quer durch Italien verliehen, nach Catania, nach Crotone, nach Cesena, doch zu Konstanz fand der Stürmer dann erst im Ausland. In Italien war der Stürmer bis zu einer Einberufung ins Team deshalb kaum bekannt. An dem soll sich nun eine ganze Fußballnation aufrichten?

"Es ist kein einfacher Moment für den Calcio", sagte vor dem Turnier Teamchef Antonio Conte. "Wir haben ein Generationsproblem, der italientische Fußball bringt kaum neue Talente hervor." Und das wohl größte, Marco Verratti von Paris Saint Germain, hat sich vor der EM verletzt, wie auch andere Fixstarter im Mittelfeld der Italiener. Das also auch noch: Verletzungspech.

Nein, diesmal kann Italien wirklich keine Chance auf den Titel haben, meinten auch die Buchmacher, die die Squadra nur zwei Plätze vor Österreich in die Rangliste der EM-Favoriten reihten. Doch wer dann im ersten Spiel Gigi Buffon mit geschlossenen Augen die Hymne singen sah und hörte, lauthals, inbrünstig und mindestens drei Töne daneben, der musste sich geradezu denken: vielleicht doch!

Buchmacher reagieren

Und dann kam es ja auch wirklich so. Italien, eingestellt und aufgezwirbelt von Teamchef Conte, war den favorisierten Belgiern taktisch überlegen, die Elf mit ihren im Durchschnitt mehr als 31 Jahren höchst stabil, das neu formierte Mittelfeld doch keine Archillesferse - und Graziano Pellè, der Spätberufene, sorgte mit dem zweiten Treffer für die Entscheidung. Ein sehenswertes Volleytor war es obendrein.

Der Unterschied, da waren sich alle Experten einig, war aber weniger Pellè als vielmehr Conte, der Trainer. Dreimal hat Conte mit Juventus die italienische Meisterschaft gewonnen, durchaus mit für Italien eher ungewohnten offensiven Ideen. Vom Typ her ähnelt Conte Diego Simeone von Atlético. Auch Conte betreibt Extremsport an der Seitenlinie, schreit und motiviert, beim 1:0 gegen Belgien hatte er sich so eine blutige Nase geholt.

Vor dem zweiten Auftritt gegen Schweden am Freitag (15 Uhr) sind die Italiener in der Gunst der Buchmacher und Experten bereits wieder gestiegen - auch beim Verbandschef: "Wir hoffen, dass wir ein schönes Endspiel in Paris gegen Frankreich genießen können", sagte Carlo Tavecchio. Conte, der nach der EM zu Chelsea wechseln wird, korrigierte ihn sofort: "Eine einzelne Partie kann nicht das komplette Urteil revidieren." Wirklich nicht?