Paris. Als die deutschen Nationalteamspieler nach dem 1:0-Sieg gegen Nordirland zu ihrer Fankurve im Parc des Princes schlenderten, gab es viel Applaus - und vereinzelt Pfiffe. Dabei beendete Deutschland die Gruppe C als Erster und blieb in den ersten drei Spielen ohne Gegentor. Im Achtelfinale wartet nun also ein drittplatziertes Team, als erfolgsverwöhnter deutscher Fan ist es nicht völlig verkehrt, schon ein wenig ans Viertelfinale zu denken. Eine Euphorie will in Deutschland aber noch nicht aufkommen, dafür reichen die bisherigen Leistungen bei dieser EM nicht aus. Dem mühsamen 2:0-Auftaktsieg gegen die Ukraine ließ der Weltmeister ein 0:0 gegen Polen sowie am Dienstag ein 1:0 gegen Nordirland folgen.

Nachdem die DFB-Mannschaft nach dem schwachen Spiel gegen Polen noch heftige Kritik einstecken musste, überwiegt in der deutschen Medienlandschaft nun die Zufriedenheit über die Spielfreude, die Deutschland gegen Nordirland erstmals bei dieser EM zeigte. Die "Bild" attestiert der Nationalmannschaft, im Spiel gegen Nordirland eine "endlich weltmeisterliche" Leistung. Das Fachmagazin "kicker" schreibt von einem "überzeugenden Sieg", macht als "großes Manko" aber die Chancenverwertung aus. In den 90 Minuten gegen Nordirland, das in keiner Phase aktiv am Spielgeschehen teilgenommen hat, erspielten sich die Deutschen 26 Torchancen. Sinnbildlich für die Ineffizienz vor dem gegnerischen Tor steht derzeit Thomas Müller. Gegen Nordirland vergab der Bayern-Angreifer gleich vier vielversprechende Torchancen, zwei Mal scheiterte er dabei an der Stange. Müller, der bei den jüngsten beiden Weltmeisterschaften zehn Tore erzielt hat, wartet immer noch auf seinen ersten Treffer bei einer EM-Endrunde. Mario Gomez, Stürmer bei Besiktas Istanbul und in der Nationalmannschaft nicht unumstritten, erzielte gegen Nordirland das siegbringende Tor. Es ist nicht zu erwarten, dass Gomez’ Treffer die wiederkehrenden Diskussionen rund um die vorderste Angriffsposition beenden kann.

Neue Optionen

Die Debatte, ob DFB-Trainer Joachim Löw eher eine "falsche Neun" (Götze, Müller) oder einen klassischen Mittelstürmer aufstellen soll, gab es aber bereits vor und während der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Deutschland gewann das Turnier.

Löw betonte nach dem Spiel gegen Nordirland, dass es erfreulich sei, wieder zu null gespielt zu haben. "Die kommenden Gegner werden in der Offensive aber besser sein", sagte der DFB-Trainer und gab damit einen Einblick, über welchen Mannschaftsteil er sich vermutlich mehr Gedanken macht. Gegen die Nordiren probierte Löw erstmals Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger aus. Kimmich machte seine Sache gut. Der 19-Jährige, der bei Bayern München sonst eher im Abwehrzentrum eingesetzt wird, traute sich gegen Nordirland viel zu und legte seine Position wesentlich offensiver aus, als es sein Konkurrent Benedikt Höwedes in den Spielen zuvor tat. Den Konkurrenzkampf weiter anheizen wird Bastian Schweinsteiger, sobald dieser ausreichend Fitness zugelegt hat. Mit seiner Routine wird Schweinsteiger knappe Spiele in der K.o.-Phase beruhigen können und kann so noch zum wichtigen Faktor für Deutschland werden.

Unruhe hatten die Deutschen schon, bevor das erste Spiel der EM in Frankreich angepfiffen wurde. Ausgelöst wurde diese vor allem von AfD-Politiker Alexander Gauland, der meinte, dass niemand gerne den ghanaisch-stämmigen Jérôme Boateng als Nachbarn haben würde. Sportliche Kritik gab es von Boateng, als Deutschland gegen Polen nicht über ein 0:0 hinauskam. Der Innenverteidiger hatte eine andere Einstellung im Offensivspiel gefordert, da man im Turnier sonst nicht weit kommen würde. Tatsächlich war die Leistung gegen Polen nicht gut. Besonders im letzten Angriffsdrittel fehlte jegliche Durchschlagskraft. Boateng sorgte mit seiner Kritik zwar für Aufsehen, er ist bisher aber mit Sicherheit einer der Leistungsträger in der deutschen Mannschaft. Neben seinem umsichtigen Stellungsspiel und seiner konsequenten Zweikampfführung glänzt Boateng mit einer Spieleröffnung, die in ihrer Qualität in diesem Turnierverlauf bisher unerreicht bleibt. Seine Vierzig-, Fünfzigmeter-Pässe finden zumeist den gewünschten Abnehmer. Der Innenverteidiger von Bayern München hat mit dieser Fähigkeit schon viele Torchancen eingeleitet. Deutsche Medien bezeichneten den Moment, als Jérôme Boateng gegen Nordirland eine Viertelstunde vor Schluss plötzlich ausgewechselt werden wollte, als Schrecksekunde. Die Entwarnung gab es nach dem Spiel: Boatengs Auswechslung sei reine Vorsichtsmaßnahme gewesen, da seine "Wade zugemacht" habe. Umso wichtiger, denn bislang sah Löw seine Defensive offensichtlich noch nicht wirklich gefordert.

Kreativ und präzise

Im Spiel gegen Nordirland sah dann aber das Offensivspiel Deutschlands schon wesentlich besser aus. Obwohl die Nordiren mit einer Menschenmauer vor dem eigenen Strafraum aufwarteten, riss die DFB-Elf die Abwehr der Briten nahezu im Minutentakt auf. Besonders Mesut Özil, der den Defensivverbund immer wieder mit klinisch präzisen Lochpässen aufmachte, tat sich dabei als kreativer Antreiber hervor. Özil hat seine Form von der starken Saison mit seinem Verein Arsenal auf jeden Fall mit in das Turnier genommen. Hätten seine Kollegen, neben Müller auch Götze und Gomez, ihre Torchancen besser genutzt, wäre die Erwartungshaltung in Deutschland nun wohl noch höher. Von den vor Turnierbeginn auserkorenen Favoriten wusste Deutschland neben Spanien (trotz der abschließenden 1:2-Niederlage gegen Kroatien) bisher aber am ehesten zu überzeugen. Die Leistungen in der Gruppenphase haben in Deutschland keine Begeisterungsstürme ausgelöst, das ist auch nicht notwendig. Die Gruppenphase der Deutschen zeigte vor allem, wie turniererfahren diese Mannschaft ist. Löws Team, ohnehin als "Turniermannschaft" verschrien, spielt souverän und unaufgeregt. Das sind die besten Voraussetzungen dafür, um in einem Turnier noch weit zu kommen.