Nizza. Es ist erst ein paar Tage, aber gefühlt eine Ewigkeit her, da hatte Zlatan Ibrahimovic seinen großen Auftritt, es sollte einer von wenigen bei dieser EM bleiben. Kurz vor deren Anpfiff hatte er aller Welt "die Bombe des Sommers" angekündigt, doch als die Journalisten schon Vorabberichte über die mögliche Bekanntgabe seines neuen Arbeitsgebers zu tippen begannen, setzte sich der baumlange Schwede mit dem lustigen Zopferl seelenruhig vor die Kameras und präsentierte seine neue Modelinie. Ibracadabra, und da war sie - die bestens inszenierte Fopperei. Schon wieder.

Denn es gehört zu Ibrahimovics Lieblingsbeschäftigungen, seine Umwelt zu narren, und weil er diese Disziplin auch auf dem Feld gut beherrscht, wird er wohl als bester Stürmer, den Schweden je hervorgebracht hat, in die Sportgeschichte eingehen. Davon ist zumindest Erik Hamren, der Trainer des Tre-Kronor-Teams, überzeugt: "Ich glaube nicht, dass wir einen neuen Zlatan finden werden. Er ist speziell, er ist einzigartig. Wir können einen anderen sehr guten Spieler finden, aber ein kleines Land wie Schweden kann keinen neuen Ibrahimovic finden", sagte Hamren. Er hätte seinem Superstar ein besseres Ende gewünscht als dieses, das am Mittwoch mit einem 0:1 in Nizza gegen Belgien im letzten Spiel der Gruppe E besiegelt wurde. Schon am Tag davor hatte der 34-jährige Stürmer angekündigt, nach der EM von der Nationalmannschaft zurückzutreten. Die Belgier duellieren sich nun am Sonntag mit Ungarn, für Schweden heißt es dagegen nach der Vorrunde Koffer packen. Auch das: schon wieder. Es ist die dritte Europameisterschaft hintereinander, bei der dieses Szenario eingetreten ist.

Wirklich überraschend ist das nicht; trotz oder gerade wegen Ibrahimovic. Als herausragender Akteur einer Mannschaft, bei der er aktuell nicht die brillantesten Mitspieler um sich hat, ist er oft auch zur Drecksarbeit verurteilt und kann sich weniger auf seine Kernkompetenz konzentrieren. Auch deshalb konnte er sich zuletzt im Teamtrikot nicht immer so in Szene setzen wie bei seinen öffentlichen Auftritten und jenen bei seinen Klubs, mit denen er in den Niederlanden (Ajax), Italien (Inter und AC Milan, nachdem die zwei Scudetti mit Juventus aberkannt worden waren), Spanien (Barcelona) und zuletzt viermal in Frankreich (PSG) viele nationale Meistertitel gewann. Dass er es trotzdem in 116 Länderspielen auf den unangefochtenen schwedischen Rekord von 62 Toren gebracht hat, ist Qualitätsnachweis genug. Auch bei der Euro spielte er nicht schlecht, im letzten Spiel rackerte er, band mit seinen Dribblings Gegenspieler, stopfte Lücken, riss andere auf und erspielte sich Chancen. Nur ins Tor wollte der Ball halt nicht - und als er einmal doch wollte, zählte dies nach einem vorangegangenen Foulspiel nicht.

Mann der Gegensätze

"Es fühlt sich hart an, es fühlt sich enttäuschend an", sagte Ibrahimovic. Groll schwang aber nicht mit. Er sei glücklich, dass er Schweden repräsentieren durfte und behalte fantastische Erinnerungen. "Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Wo immer ich hingehe, ich nehme die Flagge Schwedens mit." Es sind ungewohnte Worte für einen, dessen Äußerungen einen bisweilen an Allmachtsfantasien denken lassen, wenn er mal sagt, er könnte sich nur dann vorstellen, in Paris zu bleiben, "wenn sie den Eiffelturm durch eine Statue von mir ersetzen", oder er könne Präsident François Hollandes Umfragewerte in die Höhe schnellen lassen ("Wenn ich das wollte. Aber ich weiß nicht, ob ich das will"); für einen, der als exzentrisch und schwierig verschrien ist, der sich gerne auch mit Trainern anlegt. Das Verhältnis zu seinem früheren Barcelona-Coach Pep Guardiola kann man sogar durchaus als gestört bezeichnen.

Doch es gibt ihn eben auch, den anderen Ibrahimovic; den ebenso mannschaftsdienlichen wie hervorstechenden, den ebenso glühenden schwedischen Patrioten wie bosnisch-stämmigen Fürsprecher einer weltoffenen Multikulti-Gesellschaft. Und was immer seine Gegner auch von ihm halten mögen, eines ist sicher: Das schwedische Team wird ohne ihn nicht mehr dasselbe sein.