In der 45. Minute wurde Italiens zweitgrößte Stärke neben dem souveränen Defensivspiel augenscheinlich: Daniele De Rossi gewann den Ball in der eigenen Hälfte, wurde stark bedrängt, dabei nie hektisch, schob einem Spanier ein Gurkerl und leitete zügig den Konter ein. Es war das erste Mal bei dieser EM, dass die Abwesenheit von Andrea Pirlo wie weggewischt schien, so unaufgeregt löste De Rossi die spanische Umklammerung. Giaccherini vollendete beinahe zum 2:0, aber De Gea segelte rechtzeitig ins Kreuzeck, verhinderte den nächsten Schockzustand.

Spanien läuft vergeblich an

Zur Pause hatte Vicente Del Bosques Mannschaft 52 Prozent Ballbesitz. Das ist für spanische Verhältnisse ein sensationell niedriger Wert. Zu Beginn der zweiten Halbzeit kam der große Stoßstürmer Aritz Aduriz für Nolito. Drei Minuten nach Wiederanpfiff fand Morata seine erste Chance vor. Dass er so frei zum Kopfball kam, hatte ihn wohl auch selbst überrascht. Der 38-jährige Gigi Buffon hielt den Ball sicher fest. Spanien übernahm in der zweiten Halbzeit die Kontrolle des Spielgeschehens. Die Italiener blieben im Konter aber immer gefährlich, besonders Eder: Er hatte die Vorentscheidung am Fuß, scheiterte aber an David De Gea, der bewies, dass er im Eins gegen Eins einer der Besten der Welt ist.

Der schnelle Eder harmonierte mit dem großen Pellè, der die Bälle immer wieder gut prallen ließ. In den letzten zwanzig Minuten drückte Spanien dann noch mehr auf den Ausgleich. Der eingewechselte, aber dann verletzte Aduriz verzog, Ramos ließ eine gute Kopfballchance aus. Für den aufs Gesicht gefallenen Aduriz kam Pedro. In der 70. Minute nahm Del Bosque seinen besten Angreifer, Morata, vom Feld und ersetzte ihn mit Lucas Vázquez. Der Wechsel stand sinnbildlich für die Ratlosigkeit Spaniens.

Einmal kamen die Spanier aber dann doch noch zur ganz großen Ausgleichschance. In der 90. Minute rettete wieder Buffon gegen den aufgerückten Gerard Piqué. Im nächsten Konterangriff sorgte Graziano Pellè für die Entscheidung. Nach Hereingabe des eingewechselten Matteo Darmian donnerte der Southampton-Stürmer den Ball volley ins Netz. Spanien muss damit den Traum vom EM-Titel-Hattrick begraben. Für die Spanier bleibt zudem abzuwarten, welche Spieler dieser goldenen Generation noch für die WM 2018 noch erhalten bleiben. Ob etwa der 32-jährige Iniesta in Russland noch mit dabei sein wird, darf angezweifelt werden.

Antonio Conte hat hundert Prozent seiner K.o.-Partien gewonnen. Diese Statistik ist aber irreführend, das Spiel gegen Spanien war sein erstes K.o.-Duell. Kann der zukünftige Chelsea-Trainer seine Quote halten, wird Italien am 10. Juli Europameister sein. Zuvor wartet mindestens noch Deutschland. Torschütze und Innenverteidiger Giorgio Chiellini meinte nach dem Spiel, dass seine Mannschaft noch viel in sich tragen würde. Das klang nach einer Drohung in Richtung DFB-Elf.