Paris. (art) Am Tag danach war sich die Presse sicher: Aus und vorbei, das war’s mit der goldenen Zeit des spanischen Fußballs. "Italien löscht die Flamme von La Roja aus. Für Spanien endet ein Zyklus", befand die Tageszeitung "El País" nach der 0:2-Niederlage gegen Italien im EM-Achtelfinale. Für "El Mundo" glich jenes Team, "das einst die Welt begeistert hat, heute einer runzligen Aristokratin"; "El Periódico" wiederum sah "die Asche einer außergewöhnlichen Selección für immer in Paris". Etwas weniger pathetisch formulierte es die Sportzeitung "Marca": "Wir sind nicht mehr die Besten." Aus und vorbei, das war’s also mit jenem Team, das 2012 als erstes einen Europameistertitel erfolgreich verteidigt und quasi im Vorbeigehen die WM-Trophäe 2010 aus Südafrika mitgenommen hatte.

Doch hatte es das nicht schon vor zwei Jahren geheißen? Immerhin war damals die Bruchlandung noch härter gewesen: Schon im Auftaktspiel hatte Spanien 1:5 gegen die Niederlande und damit den Glanz vergangener Tage verloren, es folgten ein 0:2 gegen Chile sowie ein 3:0 gegen Australien, das das Gruppen-Aus nicht verhindern konnte. Stattdessen wurde damals schon das Ende des Tiqui-Taca, des lange Zeit stilprägenden Kurzpassspiels, ausgerufen, auf das sich die Gegner aber zunehmend besser eingestellt hatten. Ein völliger Neubeginn, ein Plan B, schien dringender denn je. Ersteren versuchte Teamchef Vicente Del Bosque mit einigen neuen Spielern, letzteren fand er nie wirklich. Zwar spazierten die Iberer mit neun Siegen und einer Niederlage sowie einem Torverhältnis von 23:3 durch die Qualifikation, doch die Hauptgegner hießen damals eben Slowakei und Ukraine und nicht Italien oder Kroatien, das die Verunsicherung mit einem 2:1 im letzten Gruppenspiel schürte. Und Spaniens Team ist ein fragiles Konstrukt, das bewiesen auch die Turbulenzen um Tormann David De Gea, dessen Name kurz vor EM-Start mit einer Sexaffäre genannt wurde und der Iker Casillas vorgezogen wurde, sowie die Rücktrittsdrohungen von Offensivspieler Pedro, der mit seiner Reservistenrolle nicht zufrieden war.

Die Offensive, einst das Prunkstück, ist es auch, die Del Bosque beziehungsweise seinem Nachfolger - der Rücktritt des Teamchefs wird erwartet - weiter Sorgen bereitet. Bei der EM ließ er Fernando Torres, Juan Mata und Diego Costa daheim, David Villa hat seine Teamkarriere längst beendet. Álvaro Morata, Lucas Vásquez und eventuell Nolito können dem Team noch einige Jahre helfen, beim 35-jährigen Aritz Aduriz kann man dagegen kaum von einem Perspektivspieler sprechen. Und dann wäre da noch die Frage nach der Zukunft von Andrés Iniesta. Der Siegtorschütze der WM 2010 gilt als Inbegriff der goldenen Generation. Er feierte kurz vor der EM seinen 32. Geburtstag. Irgendwann wird es auch für ihn heißen: Aus und vorbei.