Bordeaux. Große Mannschaften zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass aus bitteren Niederlagen rasch die richtigen Schlüsse gezogen werden. Eine solch bittere Niederlage hat erst vor drei Monaten Italien erlitten, in Form einer 1:4-Abfuhr gegen Deutschland in München. Während die italienischen Gazetten ob der ersten Niederlage gegen den amtierenden Weltmeister seit 21Jahren in Agonie verfielen und Schlimmstes für die EM-Endrunde befürchteten, blieb der Routinier im Tor der Azzurri gelassen. "Es ist eine Niederlage, die uns wehtut", erklärte Gianluigi Buffon, "aber besser so, bevor wir zu überheblich zur EM fahren. Das kann eine gute Lektion für uns sein." In der Tat haben die Italiener die Lektion der Deutschen gelernt - denn binnen weniger Wochen hat sich die relative No-Name-Truppe, der bestenfalls marginale Außenseiterchancen auf den EM-Titel gegeben worden waren, zu einem seriösen Anwärter auf den Coupe Henri-Delaunay gemausert. In dieser Rolle kommt es am Samstagabend in Bordeaux (21 Uhr) beim großen Viertelfinalschlager zum Wiedersehen mit den Deutschen - und zugleich zu einem Rendezvous mit der Fußballgeschichte.

Denn Deutschland gegen Italien ist ein, wenn nicht sogar der Klassiker im Weltfußball. Anders als bei den anderen internen Duellen der zu Weltmeisterehren gekommenen Teams traf man einander durchaus zahlreich bei WM- und EM-Endrunden - und meist gingen die Partien ob ihrer Dramatik und Bedeutung in die Annalen ein: WM-Finale 1982, WM-Halbfinale 1970 und 2006, EM-Halbfinale 2012. Und noch etwas zeichnet alle acht bisherigen Endrunden-Begegnungen aus: Italien verließ nie als Verlierer den Platz. Vier italienische Siege und vier Remis stehen null deutschen Siegen gegenüber. Auch die Gesamt-Länderspielbilanz ist für Deutschland ziemlich vernichtend, zumal es nicht viele Nationen gibt, gegen die Deutschland überhaupt eine negative Bilanz aufweist: Von 33Spielen konnte die DFB-Auswahl bisher nur 8 gewinnen, die Italiener jedoch mit 15 fast doppelt so viele. Ob Italien-Komplex, Fluch oder schlicht Zufall - die Statistik lügt nicht und beschäftigt natürlich auch die 22 am Samstag auf dem Feld stehenden Akteure. Wiewohl die Italiener naturgemäß mehr Lust verspüren, den günstigen Wind der Historie zu beschwören, um ins Halbfinale nach Marseille zu segeln.

Trauma vs. kalter Kaffee

Allerdings überlässt man es eher den Altvorderen und Medien, die Heldentaten von Gianni Rivera (Siegtorschütze zum 4:3 beim "Jahrhundertspiel" 1970), Paolo Rossi (1:0-Treffer im siegreichen WM-Finale 1982), Fabio Grosso (Tor zum 1:0 in der 119. Minute 2006) sowie natürlich Mario Balotelli (Doppeltorschütze vor vier Jahren in Warschau) zu beschwören. Für Dino Zoff etwa, als Goalie mit Italien Europameister 1968 und Weltmeister 1982, ist die Sieges-Serie kein Zufall - er führt sie auf "deutsche Überheblichkeit" zurück: "Deutschland hat diese Prise Überheblichkeit, die es uns auf dem Platz einfacher machen kann." Wenn es auch diesmal wieder "psychologisch und taktisch so läuft", sieht er gute Chancen für ein Weiterkommen. Auch der erfolgreichste Trainer aus dem Land des vierfachen Weltmeisters, Giovanni Trapattoni, ortet eine Mentalitätsfrage hinter dem Phänomen: "Weil es in ihrer Mentalität liegt, zu denken, dass Deutschland die ganze Welt dominiert. Aber dann kommen wir Italiener, kleine Genies, und sie müssen leiden." Und auch Ex-Stürmer Luca Toni zog die Psycho-Karte: "Immer wenn Deutschland auf Italien getroffen ist, waren sie Favorit - und sie haben es trotzdem nicht geschafft. Daran erinnern sie sich jetzt, und wenn sie noch einmal verlieren würden, wäre es ein Trauma für sie", schlussfolgert der 39-Jährige.

Mit derlei Interpretationen kann die aktuelle Generation wenig bis gar nichts anfangen. "Wir haben kein Italien-Trauma. Die Vergangenheit ist kalter Kaffee", stellte Deutschlands Chefcoach Joachim Löw gleich nach dem Sieg der Italiener gegen Spanien fest. Punkt. Dennoch, die Statistik ist da und quält die Spieler in Form bohrender Journalisten-Fragen. "Dass eine Mannschaft 1980, oder wann auch immer, nicht gegen Italien gewonnen hat, ist für uns nicht wichtig", meinte Mats Hummels bewusst oder unbewusst etwas verwirrt. Für viele lebendig ist aber noch die Erinnerung an die EM vor vier Jahren: "Wir haben mit Italien noch eine Rechnung offen. Wir haben noch genügend Spieler, die 2012 dabei waren", sagte Tormanntrainer Andreas Köpke. "Wir sind bereit, die Geschichte umzuschreiben." Also doch kein kalter Kaffee.

Italien fühlt sich jedenfalls wieder einmal pudelwohl in der Außenseiterrolle: "Deutschland ist die beste Mannschaft, besser als wir", befand Teamchef Antonio Conte, der das Mittelfeld seiner Squadra umbauen muss, fallen doch Daniele de Rossi und Antonio Candreva aus. Doch wer letztlich spielt, ist bei Conte bekanntlich egal - sie müssen laufen und kämpfen bis zum Umfallen. Nur dann können sie ein neues italienisches Heldenkapitel gegen Deutschland schreiben.