Wien. Rund 140 Nationen haben bei Olympischen Spielen bereits Medaillen gewonnen. Auch Island ist darunter, es kommt auf bisher vier. Das sollte nicht allzu großes Staunen hervorrufen, auch andere ganz kleine Nationen wie Bermuda, die Jungferninseln und Liechtenstein haben sich olympisches Edelmetall gesichert. Rein statistisch ist zwar die Wahrscheinlichkeit gering, dass sich unter den wenigen Einwohnern Weltklassesportler finden, aber Ausnahmen gibt es überall.

- © afb/Tobias Schwarz
© afb/Tobias Schwarz

Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking hat Island allerdings die Silbermedaille in einer Mannschaftssportart gewonnen, im Handball. Das lässt sich nicht mehr als statistischen Ausreißer werten. Ein, zwei gute Handballer oder Fußballer, mag sein, aber ein ganzes Team? "Wir spielen sehr, sehr viel in der Schule. Im Sommer spielen wir Fußball, im Winter Handball", erzählte Róbert Gunnarsson einmal der "Wiener Zeitung". Der Handball-Profi gehört auf seiner Position zur absoluten Weltelite, er spielt für den französischen Meister PSG.

Schon bei den Erfolgen der isländischen Handballer wurden diese immer wieder gefragt, wie denn das, bitteschön, möglich sei? Wie kann man mit so wenigen Aktiven so viel erreichen? Und natürlich wird auch bei der Fußball-EM diese Frage gestellt, in der es die Isländer bis ins Viertelfinale geschafft haben und am Sonntag (21 Uhr) auf Gastgeber Frankreich treffen.

"Sport hat in Island einen großen gesellschaftlichen Stellenwert", sagt Patrekur Jóhannesson, Isländer, und seit 2011 Teamchef von Österreichs Handball-Männern. Vergangene Woche wurde übrigens sein Bruder zum neuen Präsidenten des Landes gewählt.

Auch im Basketball, einer weiteren Mannschaftssportart, hat sich Island mittlerweile immens entwickelt und im Vorjahr erstmals an einer EM-Endrunde teilgenommen. Österreich wartet auf einen solchen Erfolg seit den 70er Jahren. Und die Isländerinnen haben sich im Fußball sogar schon vor den Männern in die Elite gespielt. Anfang Juni qualifizierten sie sich zum bereits dritten Mal für eine EM, diesmal mit der bemerkenswerten Bilanz von sechs Siegen in sechs Partien und einem Torverhältnis von 29:0.

Dass dieses kleine, nur 330.000 Einwohner fassende Land nun tatsächlich im Viertelfinale der Euro steht, ist natürlich auch ein wenig glücklich gewesen. Hätte Alessandro Schöpf seine Riesenchance im finalen Gruppenspiel verwertet, wären die Isländer wohl vorzeitig ausgeschieden, im Fußball liegen Sieg und Niederlage eben manchmal sehr nahe beisammen. Das hätte allerdings nichts daran geändert, dass sich Island in den vergangenen Jahren zu einer absoluten Top-Mannschaft entwickelt hat.

Ein Land der Trainer

Den genauen Anfangspunkt dieser Entwicklung festzumachen, ist schwierig, nach der Jahrtausendwende wurden aber im gesamten Land einige Fußballhallen errichtet, um auch im Winter spielen und trainieren zu können. Das war bis dahin schwierig, weshalb viele Jugendliche in der kalten Jahreszeit eben zum Handball und Basketball auswichen. Die Hallen als Schlüssel des Erfolges? "Es liegt mit Sicherheit nicht an den sieben Hallen", sagte Heimir Hallgrímsson, Co-Trainer des Nationalteams, vor der EM dem Nachrichtenmagazin "Spiegel".

Womit man des Rätsels Lösung schon etwas näher kommt, ist, dass sich seither auch im Trainerwesen viel verändert hat. Auf der kleinen Insel gibt es mittlerweile rund 750 Trainer, die mindestens eine Uefa-B-Lizenz erworben haben. Umgelegt auf die Anzahl der Fußballer, rund 22.000, kommt ein hochqualifizierter Trainer auf rund 30 Spieler. Das ist in Europa unerreicht. In Österreich beträgt dieses Verhältnis rund 1:135.

Und noch etwas ist bemerkenswert. Mit dem Fußball lässt sich in Island kein Geld verdienen, die Liga ist praktisch eine Amateurliga, bestehend aus zwölf Vereinen. Allerdings werden die Trainer bezahlt, und zwar auch die Trainer von sechsjährigen Kinder. Man muss eben Prioritäten setzen.

Durch die bessere Infrastruktur und die sport- und trainingswissenschaftliche Herangehensweise der Nachwuchsausbildung hat man das Grundniveau des isländischen Fußballs deutlich anheben können. Was das aktuelle Team bei der EM besonders auszeichnet, ist aber auch die mannschaftliche Geschlossenheit. Ein Großteil dieser Generation hat bereits in der U21 zusammengespielt und dort Deutschland mit 4:1 besiegen können. Quasi ein erster Vorgeschmack.

Es ist zwar immer etwas heikel, mit der Mentalität zu argumentieren, allerdings taten das die Isländer auch selbst. Siggi Eyjolfsson, Technischer Direktor des Verbandes, beschrieb die Mentalität isländischer Kicker so: Hart arbeitend, hören auf den Trainer, bringen Leadershipqualitäten mit. Er führte auch aus, dass bemerkenswert viele Isländer, die ins Ausland gehen, um dort Profis zu werden, bei ihren Klubs zum Kapitän ernannt werden.

Spezielle Mentalität

Dass die Mentalität eine Rolle spielen dürfte, ist auch Handball-Coach Patrekur Jóhannesson anzumerken. Immer wieder klingt beim österreichischen Teamchef Unverständnis durch, dass sich die heimischen Talente schnell zufrieden geben würden. Der Sprung ins Ausland? Vielleicht später. Gereist sind die Isländer jedenfalls immer schon gerne.

Dass sie im europäischen Vergleich deutlich weniger rauchen als der Durchschnitt und vor allem die Jugend weit weniger trinkt, dürfte den sportlichen Ambitionen des Landes nicht abträglich sein. Bei einer europaweiten Studie unter 15- bis 16-Jährigen landete Österreich auf Platz eins beim Trinken, Island abgeschlagen auf dem letzten Platz.

Das erklärt vielleicht die Sportbegeisterung, allerdings ist es auch auffallend, wie viele international erfolgreiche Schriftsteller, Musiker und Künstler aus Island stammen. Manches kann man wohl einfach nicht erklären. Es ist einfach so. Und das ist ja auch irgendwie: schön.