Lille. (sir) Die hochgehandelten Belgier sorgen bei dieser EM bisher für die Höhepunkte - dank ihrer Genalität, aber auch aufgrund ihrer Unzulänglichkeiten. Das zweite Viertelfinale war von deutlich höherem Unterhaltungswert als das erste, ein Hin und Her mit zahlreichen Chancen, schönen Toren und einem nicht unverdienten, aber dennoch überraschenden Sieger: Wales. Zwar hatten die Belgier auch in der EM-Qualifikation nicht gegen die Waliser gewinnen können, der Halbfinal-Einzug eines Teams, das sich erstmals seit 1958 für ein großes Turnier qualifiziert hat, und das die WM 2014 mit nur zehn Punkten aus ebensovielen Partien auf dem fünften Platz bei sechs Mannschaften beendet hat, ist eine echte Sensation.

Ashley Williams, der Kapitän sorgte mit dem 1:1 für die Wende in der Partie. - © ap/Michael Sohn
Ashley Williams, der Kapitän sorgte mit dem 1:1 für die Wende in der Partie. - © ap/Michael Sohn

Anfangs sah es auch nicht danach aus. Die Waliser hatten in der gegnerischen Hälfte noch nicht einmal Hallo gesagt, da hätten die Belgier bereits führen müssen. In einer einzigen Strafraumszene scheiterten aber hintereinander Yannick Carrasco, Romelu Lukaku und Eden Hazard am walisischen Tormann sowie an diversen Verteidigern, die die Schüsse blockierten, Neil Taylor sogar auf der Linie. Ein paar Minuten später war’s dann aber eh passiert, als Radja Nainggolan, der seine Haut als eine Art Leinwand begreift, aus 27 Metern ins Kreuzeck fetzte. Ein sehenswerter Treffer (13.).

Doch Belgien spielte recht offen, war in der Rückwärtsbewegung bei weitem nicht so stark wie im Spiel nach vorne. Allerdings war von der Stammverteidigung auch nur Toby Alderweireld übrig geblieben, alle anderen waren gesperrt oder verletzt, sie wurden vom 21-jährigen Jordan Lukaku und dem 20-jährigen Jason Denayer ersetzt, die gemeinsam auf nur zwölf Teameinsätze kommen. Die Unerfahrenheit war ihnen anzumerken, zudem fehlte es sichtbar an der Abstimmung.

Die Waliser kamen dadurch immer wieder zu gefährlichen Szenen, besonders über ihren Star Gareth Bale, dessen Antritt mit dem Ball am Fuß eine echte Attraktion darstellt. Das wird im Herbst, wenn Österreich in der WM-Qualifikation auf die Waliser trifft, noch recht unangenehm. Bale war in seiner Jugend auch Sprinter (sowie Rugby- und Hockeyspieler), im Alter von 14 Jahren lief er die 100 Meter in 11,4 Sekunden. Heute, sagt er selbst, wäre er schneller.

Das Konterspiel liegt den Belgiern zwar grundsätzlich, drei vielversprechende Versuche endeten aber im Mittelfeld mit taktischen Fouls, für die Wales rasch drei Gelbe ausfasste. Es blieb dann aber bei diesen Versuchen, stattdessen wurde das letzte verbliebene britische Team, das erstmals bei einer EM dabei ist, immer stärker und glich nach einer halben Stunde nach einem Corner durch Kapitän Ashley Williams aus. Er war völlig ungedeckt, Jordan Lukaku hatte geschlafen.

Kapitän sorgt für Ausgleich

Williams hatte das Achtelfinale gegen Nordirland quasi einarmig beendet, die walisischen Teamärzte brachten ihn trotz Schulterblessur aber für das Belgien-Spiel hin. Schon bei Mittelfeldspieler Joe Ledley hatten sie Wunder bewirkt. Im Mai hatte sich dieser das Wadenbein gebrochen.

Die Belgier kamen recht wild aus der Pause, hatten auch gleich ein paar Chancen, darunter durch Eden Hazard, der aber bis auf einen Schuss knapp neben das Tor kaum glänzen konnte wie gegen Ungarn. Das zweite Tor machte aber Wales durch Hal Robson-Kanu, der mit einem hüftsteifen Johan-Cruyff-Gedenkhaken zwei Belgier stehen ließ, die sich dabei aber richtig blamierten (55.).

Die Partie hätte sich danach durchaus noch einmal drehen können, die Belgier hatten ein paar starke Szenen, zwar eher mit der Brechstange, aber danach hätte im Erfolgsfall niemand mehr gefragt. Ein Elferfoul an Nainggolan wäre wohl zu geben gewesen, doch Wales verteidigte stark - Belgien nicht. Fünf Minuten vor dem Ende traf der eingewechselte Sam Vokes per Kopf zum 3:1, nachdem die belgische Abwehr wieder einmal irgendwo stand.

Während die Waliser gegen Portugal um den Finaleinzug kämpfen, endet das Turnier für die beste belgische Mannschaft seit Jahrzehnten vorzeitig. Nicht nur, aber auch, weil an der Seitenlinie die Weltklasse dieses Teams endete. Teamchef Marc Wilmots wird seinen Posten wohl räumen müssen.