Wien. Wie machen das die Portugiesen? Ohne einen einzigen Sieg errungen zu haben, stehen sie im Halbfinale dieser EM, während die Italiener und Belgier trotz je drei Erfolgen bereits zu Hause sind. Die Erklärung für diese kleine Ungerechtigkeit ist einerseits durch den Turniermodus begründet, andererseits durch die Möglichkeit, in einem K.o.-Spiel in der Verlängerung oder im Elferschießen den Aufstieg zu fixieren. Die offizielle Statistik wertet freilich das Remis nach 90 Minuten.

Das ist nur ein Beispiel dafür, dass man im Fußball den Zahlen nicht allzu viel Vertrauen entgegenbringen sollte, außer natürlich den zwei wesentlichen über geschossene und erhaltene Tore, die den Spielausgang determinieren. Das Resultat pickt zwar, erzählt allerdings inhaltlich recht wenig über eine Partie. Es sagt nicht, welche Mannschaft wie gespielt hat, welche überlegen war, und schon gar nicht bietet das nackte Ergebnis eine Erklärung dafür, warum es so und nicht anders gekommen ist.

Und genau deshalb gibt es Spielstatistiken. Sie sind unverrückbare Fakten, und sie sollen das Resultat begründen oder zumindest eine Erklärung geben, warum eine Partie 3:0 und nicht 0:1 ausgegangen ist. Nur welche Statistiken taugen zur Erklärung tatsächlich?

Schon seit Ewigkeiten werden einfach zu zählende Ereignisse eigens ausgeschildert, etwa die Anzahl der Corner, der gelben und roten Karten sowie die Verteilung der Torschüsse. Allerdings muss nicht unbedingt eine Mannschaft besser gewesen sein, wenn sie mehr Torschüsse oder mehr Eckbälle aufweist. Und selbst wenn sie besser war, was immer man darunter versteht, kann sie trotz einer statistischen Überlegenheit tatsächlich unterlegen gewesen sein. Wer frei vor dem Tor stehend neben den Ball haut, hatte zwar unzweifelhaft eine Riesenchance, sie wird jedoch nicht als Torschuss gewertet. Ein besserer Roller aus 40 Metern aufs Tor hingegen schon, auch wenn das niemand als gefährliche Aktion verstehen würde. Die Statistik kann also auch irreführend sein.

Computergestützte Systeme erlauben es mittlerweile, Fußballspiele und Leistungsdaten der Spieler sehr genau aufzuschlüsseln. Diese detaillierten Statistiken sind zu einem guten Geschäft geworden, Unternehmen wie Opta, Amisco, Prozone und Instat verkaufen ihre Daten und ihre Analysen an Verbände und Vereine, zum Beispiel um die Stärken und Schwächen eines Spielers nicht nur anhand von subjektiven Beobachtungen, sondern harten Fakten bewerten zu können. Die meisten Profitrainer arbeiten heute mit diesen Softwares und teilweise auch mit eigenen Videoanalysten, um mithilfe der Daten die richtigen Entscheidungen bei Aufstellung und Taktik treffen zu können.

Nützt mehr Ballbesitz?

Die Uefa bietet bei den TV-Übertragungen einige dieser Statistiken auch für Zuschauer an, nach den Partien werden die Daten auf der offiziellen Website der EM veröffentlicht. Das ist eine interessante Spielerei, der Mehrwert für die Fans sollte aber auch darin bestehen, Erklärungen für das Resultat zu liefern. Hat ein Team mehr Ballbesitz, deutet das auf eine überlegene Spielweise hin. So wies England gegen Island 63 Prozent Ballbesitz aus, zudem war die Quote der gelungenen Pässe mit 86 Prozent gegenüber 71 der Isländer besser. Wer das Spiel gesehen hat, konnte aber kaum den Eindruck gewinnen, dass es eine besonders unglückliche Niederlage Englands war.

Die Isländer sind in diesem Achtelfinale mit ingesamt 109 Kilometern mehr gelaufen als die Engländer mit 105 Kilometern. War das also der Unterschied? Haben die Isländer nur deshalb gewonnen, weil sie mehr gelaufen sind? Wohl kaum.

Das Problem dieser Daten ist, dass sie das Spiel zwar quantifizieren und in viele Zahlen zerlegen, sie enthalten allerdings kein qualifizierendes Element. Es ist jedoch ein großer Unterschied, ob ein Spieler joggt oder sprintet. Und wenn ein Spieler bei einem Angriff zwar einen erfolgreichen Pass spielt, allerdings zu jenem Mitspieler, der schlechter positioniert ist als ein anderer, dann geht dieses Anspiel zwar als angekommener Pass in die Statistik ein, die Fans auf der Tribüne verfluchen den Spieler jedoch, weil er den völlig frei stehenden Kollegen übersehen und damit eine große Chance vergeben hat.

Das Dilemma, dass selbst der seriöse Versuch, ein Fußballergebnis durch unzählige Daten zu erklären, nur eine vage Annäherung an das Geschehene darstellt, hat den ehemaligen Teamspieler Stefan Reinartz, der seine Laufbahn heuer aus gesundheitlichen Gründen früh beenden musste, sowie den Profi Jens Hegeler von Hertha BSC veranlasst, ein neues Analyse-Produkt auf den Markt zu bringen. Mit ihrer Firma Impect versuchen die beiden, die Aussagekraft der Spielstatistik dadurch zu erhöhen, dass sie die Pässe qualifizieren. Der Ansatz nennt sich "Packing" und wird auch von der ARD als Tool bei den Übertragungen eingesetzt.

Wie wertvoll ist ein Pass?

Die Grundidee dahinter ist, dass ein Pass dann wertvoller ist, wenn danach weniger Gegner zwischen Ball und Tor stehen als davor. Spielt ein Innenverteidiger quer zum anderen, wird kein Gegenspieler ausgespielt, zählt aber nach Uefa-Wertung genauso als "erfolgreicher Pass" wie der (viel schwierigere) Lochpass zwischen alle Verteidiger hindurch genau auf den Fuß des Stürmers, der dann allein vor dem Tor steht.

Beim Packing wird differenziert. Bei gelungenen Pässen (und Dribblings) wird bewertet, wie viele Gegenspieler mit dieser Aktion überspielt werden, wobei Verteidiger mehr Gewicht erhalten. Am ersten Stürmer vorbeizuspielen ist meistens keine besonders schwierige Übung.

Der Packing-Wert soll über die wahren Kräfteverhältnisse eine qualitiativ bessere Aussage treffen. Als Anschauungsbeispiel geben die beiden Erfinder das WM-Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland an, in dem die Gastgeber mehr Ballbesitz und mehr Torschüsse hatten, bei der Anzahl der überspielten Gegner stand es jedoch 402:341 für Deutschland, bei den überspielten Verteidigern 84:53 für den späteren Weltmeister. Deutschland gewann die Partie übrigens mit 7:1.

Es gibt jedoch auch beim Packing grobe Ungenauigkeiten. Ein Querpass kann ein taktisch wichtiges Mittel sein, bringt aber keine oder wenige Packing-Punkte. Zudem wird nicht differenziert, wo der Empfänger steht, ob in der Mitte des Strafraums, wo ein Abschluss möglich ist, oder an den Seiten, wo erst eine Flanke geschlagen werden muss, um zum Abschluss zu kommen. Auch Packing ist eben nur eine Annäherung an das Geheimnis eines Fußballspiels. So richtig entschlüsseln lässt sich das Resultat nicht.