Marseille. Es gibt Fußballspiele, die sind so groß und so bedeutend, dass man sie für alle Ewigkeit mit markanten Beinamen versieht: Es gibt den "Schlag von Maracanã" (Brasiliens 1:2-Niederlage gegen Uruguay im letzten WM-Spiel 1950), das "Wunder von Bern" (Deutschlands ersten WM-Titel 1954 dank eines 3:2 über Ungarn), das "Jahrhundertspiel" (Italiens 4:3-Triumph über Deutschland im WM-Halbfinale 1970) und erst seit zwei Jahren den "Mineiraço", den 7:1-Schock für Brasilien gegen Deutschland im WM-Halbfinale 2014 im Stadion Mineirão zu Belo Horizonte.

Und dann gibt es noch die "Nacht von Sevilla", das WM-Halbfinale 1982 zwischen den beiden Fußball-Großmächten Deutschland und Frankreich, das sich zum vielleicht packendsten Spiel der WM-Geschichte entwickelte. Vor dem großen Halbfinalduell der beiden Nationen am Donnerstagabend (21 Uhr) erinnert man sich wieder einmal dieser legendären und schier endlosen Fußballnacht, die Frankreich die wohl bitterste Niederlage der Historie bescherte und zugleich den Mythos von der deutschen Turniermannschaft festigte. Dabei ist Frankreich gegen Deutschland - bei aller Nachbarschaftsrivalität - kein Klassiker im eigentlichen Sinn. Dazu gab es das Duell bei großen Turnieren viel zu selten. Nur vier Mal trafen einander beide Mannschaften in Pflichtspielen, und zwar immer bei einer WM - somit kommt es erst jetzt zur EM-Premiere. Das erste Duell entscheidet 1958 die Équipe tricolore mit einem 6:3-Erfolg im kleinen Finale für sich. 24 Jahre später folgt dann bei der WM in Spanien der große Showdown im Estadio Ramón Sánchez Pizjuán zu Sevilla. Die Franzosen werden angeführt von Kapitän Michel Platini, die Deutschen bieten ihre erfolgreichen Europameister von 1980 auf - Manfred Kaltz, Toni Schumacher, Hans-Peter Briegel. Zunächst plätschert das Match dahin, Pierre Littbarski sorgt nach 17 Minuten für die deutsche Führung, die Platini nur neun Minuten später per Elfmeter egalisiert.

Dann bricht die 57. Minute an: Patrick Battiston läuft auf das Gehäuse von Schumacher zu - der stürmt aus dem Tor und springt den Franzosen in voller Absicht und Wucht um. Battiston geht k.o., bleibt minutenlang regungslos am Spielfeld liegen. Später stellt sich heraus, dass ein Halswirbel angebrochen ist und er eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Die brutale Attacke bleibt ungesühnt - und ausgerechnet Schumacher sollte noch zum Helden des Abends werden.

Foul wird zur Staatsaffäre

Das Skandalfoul sorgte danach jedoch noch lange für Diskussionen, zumal der deutsche Keeper für sein Opfer zunächst nur Häme übrig hatte; die französische Presse antwortete daraufhin mit Nazi-Vergleichen à la "Schumacher-SS". Damit das damals zarte Pflänzchen der deutsch-französischen Freundschaft nicht zugrunde ging, mussten schließlich François Mitterrand und Helmut Schmidt eine gemeinsame Erklärung zum Casus Belli aufsetzen.

Erstes WM-Elfmeterschießen

Das Spiel selber mutiert nach einer hochdramatischen Schlussphase in der Verlängerung zu einem wahren Krimi, bei dem die Bleus schon wie die sicheren Sieger aussehen: Binnen sechs Minuten stellen Marius Trésor und Alain Giresse auf 3:1. Doch die Deutschen schlagen eiskalt zurück: Der eingewechselte Karl-Heinz Rummenigge verkürzt auf 2:3, ehe Klaus Fischer mit einem Fabeltor - Fallrückzieher ins Eck - doch noch ausgleicht. Erstmals bei einer WM muss daher ein Elfmeterschießen entscheiden. Wieder liegen die Franzosen zunächst vorne, weil Uli Stielike an Jean-Luc Ettori scheitert; doch dann hält Schumacher die Schüsse von Didier Six und Maxime Bossis - somit heißt es schon damals: Am Ende gewinnen die Deutschen, diesfalls 5:4 im Elfmeterschießen.

Die Pariser Terror-Nacht

Für die "Nacht von Sevilla" konnten sich die Franzosen nie revanchieren: Vier Jahre später bei der Neuauflage im WM-Halbfinale von Mexiko schickt die Elf von Franz Beckenbauer die goldene Generation der Équipe tricolore mit 2:0 in die Pension. Kein großes Spiel - so wie auch jenes vor zwei Jahren im WM-Viertelfinale im Maracanã, das die Deutschen bei brütender Hitze mit 1:0 für sich entscheiden.

Aufstieg, Tore, Titel - darum ging es am 13. November 2015 in St. Denis am allerwenigsten, als sich die beiden Teams zum bisher letzten Mal in aller Freundschaft trafen. Und doch war dieses Spiel historisch, weil islamistische Terroristen Paris in dieser Nacht in Flammen setzten und auch im Stade de France ein Blutbad anrichten wollten.

Die drei Attentäter kamen jedoch nur bis zu den Stadion-Toren und sprengten sich dort in die Luft - ein unschuldiger Mensch starb, die Detonationen waren bis auf das Spielfeld zu hören und ließen etwa Deutschlands Trainer Jogi Löw, wie die Fernsehbilder zeigten, zusammenzucken. Während tausende Zuschauer nach dem Abpfiff auf dem Rasen herumirrten, blieb die Weltmeister-Elf nach der (unbedeutenden) 0:2-Niederlage aus Angst bis zum Morgen in den Stadion-Katakomben - auch das eine endlose Fußballnacht im anderen Wortsinn.

All das wird am Donnerstagabend in Marseille wieder Thema sein - und weniger die Statistik. Die sieht Frankreich bei insgesamt 29 Partien mit 12 Siegen bei 9 Niederlagen im Vorteil.