Lyon/Wien. (sir) Das wunderbare Märchen der Isländer bei dieser EM hat die Leistung eines weiteren Debütanten in den Schatten gestellt. Wales ist aber sogar noch einen Schritt weiter gekommen, ins Halbfinale, in dem sich dann Portugal am Mittwoch als zu stark erwies und 2:0 gewann.

Es gibt Gründe, das Abschneiden der Waliser als Sensation zu verstehen. Sie waren erstmals seit 1958 bei einem Turnier dabei, da war noch nicht einmal Teamchef Chris Coleman geboren. Die letzte Qualifikation für die WM in Brasilien beendete das Team mit praktisch demselben Personal an fünfter Stelle hinter Belgien, Kroatien, Serbien und Schottland, von einem Halbfinale schien da Wales vielleicht Jahrzehnte, aber sicher nicht zwei Jahre entfernt. Die Metamorphose innerhalb von so kurzer Zeit ist daher überaus beachtlich, ja geradezu sensationell.

Es gibt aber auch Gründe, den Erfolg etwas nüchterner zu sehen. Aus Wales’ Startelf spielen so gut wie alle in der Premier League, Gareth Bale zudem bei Champions-League-Sieger Real Madrid. Die Basis ist eine deutlich andere als bei Island, dessen bester Spieler ausgerechnet bei Swansea City spielt, dem einzigen walisischen Vertreter in der Premier League. Die Qualität der ersten Elf ist eher mit Schweiz, Österreich, Schweden und Polen vergleichbar. Wie diese Mannschaften kann dann auch Wales nicht jede Position adäquat doppelt besetzen, die Sperre von Aaron Ramsey erwies sich gegen Portugal als Handicap.

Treffsicherer Bale

Das Ticket nach Frankreich hatten die Waliser mit sechs Siegen aus zehn Partien gelöst, was keine überragende Bilanz darstellt und jedenfalls nicht als Sensation einzustufen war. Und sie erzielten auch nur elf Tore, halb so viele wie das ÖFB-Team. Das einzig Sensationelle war, dass Bale sieben dieser elf Tore schoss und zwei weitere vorbereitete. Bei der EM versenkte er dann zwei direkte Freistöße, er schoss das dritte Tor gegen Russland, und er erzwang das entscheidende Eigentor im Achtelfinale gegen Nordirland. Es ist offensichtlich, dass es Coleman gelungen ist, die beiden zentralen Akteure, Bale und Ramsey, der mit vier Assists und einem Tor ebenfalls eine starke EM spielte, in seinem flexiblen System ideal zur Geltung zu bringen. Das ist früheren Trainern nicht gelungen, obwohl auch Ryan Giggs und noch früher Ian Rush Weltstars waren.

Die Waliser erwischten in Frankreich auch eine machbare Gruppe, im Achtelfinale einen großen Außenseiter, und Wales profitierte im Viertelfinale von einem Selbstfaller der favorisierten Belgier, die eine Führung mit schweren Abwehrfehlern unnötig aus der Hand gaben. Portugal zeigte Wales dann aber doch die Grenzen auf. Die Briten konnten die Partie zwar eine Hälfte lang offen gestalten, zu Chancen kamen sie jedoch kaum. Und als sich die Portugiesen nach dem Doppelschlag zurückzogen, reichte die spielerische Qualität der Waliser nicht, um das Spiel zu drehen.