In dem kleinen Garten stehen die Zelte aneinandergereiht. Doch um 34 Euro pro Nacht bekommen die Fans alles Nötigste. - © B. Schacherl
In dem kleinen Garten stehen die Zelte aneinandergereiht. Doch um 34 Euro pro Nacht bekommen die Fans alles Nötigste. - © B. Schacherl

Lens. "Pull the Handle!!" Frédéric Lucido hat den Hinweis für seine Gäste auf einen DIN-A4-großen Zettel geschrieben und ihn in der mit Bambus verkleideten Campingtoilette aufgehängt. Um eine Verstopfung des chemischen WCs in seinem Garten zu verhindern, ist es notwendig, die Klappe zu betätigen. "After business", sagt Frédéric zögerlich. Das Thema ist ihm sehr unangenehm, man spricht über so etwas nicht. Während der Europameisterschaft in Frankreich ist für den 43-jährigen Mann vieles anders.

Wo sich normalerweise Fuchs und Hase "Gute Nacht" sagen, tun dies eine Nacht vor dem Spiel Engländer und Waliser. Frédéric Lucido, knapp über 1,70 Meter groß, schmale Brille, kurze, schwarze Haare, hohe Stirn, hellblaues Hemd und schwarze Hose, ist ein schüchterner Mann aus einer unbedeutenden Kleinstadt im Norden Frankreichs. Er lässt in einer regnerischen Sommernacht sieben englische und drei walisische Fußballfans in seinem Garten schlafen. Deren bevorzugte Teams spielen am Folgetag im örtlichen Stade Felix Bollaert ein Gruppenspiel der Fußballeuropameisterschaft in Frankreich.

Die Rue des Londres ist eine der wenigen Hauptzufahrtstraßen in das Zentrum von Lens. Die schlecht asphaltierte Straße führt an geziegelten Häuserfassaden vorbei, nur einige wenige Imbissläden unterbrechen die scheinbar durchgehende rote Ziegelwand. Ein kleiner Supermarkt bietet alles Nötige an. Nach zehn Gehminuten stadtauswärts wird es etwas grüner, und die meisten Einwohner haben hier einen kleinen Garten. Kaum einsehbar, hinter den Häuserfronten versteckt. Vor einem Jahr haben sich Frédéric und seine Familie hier ein kleines, schmales Einfamilienhaus geleistet.

Um Lens machen Touristen normalerweise einen Bogen

Er arbeitet für die katholischen Kirche in Lens und für die "Jeunesse ouvrière chrétienne", die katholische Arbeiterjugend. Sein Sohn könne sich als Einziger in der Familie für Fußball begeistern, erzählt Frédéric. Als ihm im Winter das Ausmaß des Fußballgroßturniers bewusst wurde, hat er einen Plan entwickelt, um aus den ungewohnten Tourismusströmen Kapital zu schlagen. Für das Jahr 2016 rechnet das Tourismusbüro in Lens mit bis zu 650.000 Touristen. In der Stadt gibt es 600 Gästebetten. In den zehn Stadien, in denen EM-Spiele stattfinden, werden insgesamt bis zu 1,5 Millionen Zuschauern aus dem Ausland erwartet. Um Lens und seine 35.000 Einwohner machen Touristen normaler Weise einen Bogen.