Marseille. Man brauchte gar nicht aufs Spielfeld zu schauen, die Fernsehbilder von Jérôme Boateng sagten eigentlich alles. Da saß er nun in den Schlussminuten des Halbfinales Deutschlands gegen Frankreich auf der Bank, tief in den blauen Sitz gepresst, Handtuch über den Kopf gelegt, fast so, als wolle er sich davor schützen, dass gerade der Himmel über ihm herabzubrechen drohte, und in den Augen Fassungslosigkeit. Die deutsche Mannschaft hatte das Spiel, aus dem der Innenverteidiger nach rund einer Stunde humpelnd ausgeschieden war, dominiert, hatte spektakulär kombiniert, die Franzosen kontrolliert - und war in diesen Minuten gerade dabei, ihren verfrühten Rückflug aus Frankreich und der EM zu buchen. Antoine Griezmann hatte die Geschenke der deutschen Gäste, ein unnötiges Hands von Bastian Schweinsteiger (45.), das zum Elfmeter führte, und einen Patzer in der Abwehr (72.) dankend angenommen, um Frankreich weiter vom Heim-Europameisterschaftstitel wie 1984 träumen zu lassen.

Und die Deutschen? Die waren wie Boateng alle fassungslos. Die Blitzanalysen nach dem Match befassten sich dann auch gar nicht damit, dass man selbst trotz guter Chancen zu wenig Nachdruck vor dem Tor gehabt hätte oder individuelle Fehler wie jene von Schweinsteiger, Joshua Kimmich und Manuel Neuer zu den Treffern und dem Ausscheiden geführt hätten, oder damit, dass Frankreich eben doch auch Spieler habe, denen man keinen Raum geben dürfe. Als Teamchef Joachim Löw dann viele Minuten später herauspresste, dass Frankreich das Finale "schon auch verdient" habe, konnte man ihm die körperlichen Schmerzen dabei direkt anmerken. Davor beklagte er den Lauf der Welt und lobte die eigene Mannschaft, als wäre sie gerade Europameister geworden. "Wir haben den Gegner beherrscht, dominiert, viel riskiert. Ich kann der Mannschaft nur ein Riesenkompliment machen, weil sie die bessere war", sagte er. Mittelfeldmotor Toni Kroos sprach von "unserem besten Spiel" bei dieser EM, und Tormann Neuer ließ sich zu der Aussage herab, dass die deutschen Fans das eigene Team wohl auspfeifen würden, wenn es daheim so auftreten würde wie die Franzosen. Das 0:2, befand er, sei "kein faires Ergebnis". Auf den Punkt brachte schließlich Thomas Müller, dem im ganzen Turnier kein Tor gelungen war, die Enttäuschung: "Die ganze Arbeit, die wir reingesteckt haben, war umsonst."

Großes Potenzial

Das klang, als wäre in diesen eineindreiviertel Stunden in Marseille vieles in der sonst so selbstbewussten Weltmeistertruppe zusammengebrochen, selbst Löw, der einen Vertrag bis 2018 hat, wollte seine persönliche Zukunft offen lassen. Ob er am 31. August beim Testspiel gegen Finnland auf der Bank sitzen werde? "Heute Abend kann ich nicht weit vorausblicken, nicht mal bis morgen Früh", meinte er.

Dabei wird auch Löw bewusst sein, dass von Weltuntergang keine Rede sein kann, im Team vielmehr das Potenzial für weitere Großtaten steckt. Die deutsche Mannschaft war mit einem Altersschnitt von 25,81 Jahren die jüngste im Teilnehmerfeld, lediglich vier Spieler - Neuer, Schweinsteiger, Lukas Podolski und Mario Gómez - sind 30 beziehungsweise 31 Jahre alt. Gómez hatte sich während des Turniers verletzt, Podolski lediglich 18 Minuten gespielt, Schweinsteiger war zu Beginn nicht fit und stand im Halbfinale das erste Mal von Beginn an auf dem Platz. Während Podolski dennoch nicht an Rücktritt denkt, will Schweinsteiger sich seine Zukunft noch überlegen. Dass das DFB-Team auch ohne ihren Kapitän handlungsfähig ist, hat sie in den vergangenen Jahren schon oft bewiesen. Ein Rücktrittsreigen wie nach der WM 2014 ist diesmal jedenfalls nicht zu befürchten, viele stehen erst ganz am Beginn ihrer Länderspielkarriere. Einige von ihnen sind ohnehin erst durch Blessuren anderer im Vorfeld in den Kader gerutscht. Die Verletzungssorgen haben die deutsche Nationalmannschaft schon im Vorfeld der EM geplagt, Hummels ist erst während des Turniers genesen, in dessen Verlauf wiederum auch Khedira ausfiel. Antonio Rüdiger und Marco Reus mussten ganz passen. Mit ihrer Rückkehr hat Löw in Zukunft mehr Alternativen, um die WM-Qualifikation in Angriff nehmen zu können. Dort spielt Deutschland in einer Gruppe mit Tschechien, Nordirland, Norwegen, Aserbaidschan und San Marino, alles andere als ein Durchmarsch wäre eine Überraschung. Auch DFB-Chef Reinhard Grindel glaubt, dass Löw diese Herausforderung annehmen wird: "Er wird den WM-Titel verteidigen wollen." Erst einmal muss sich aber die Schockstarre lösen.