Marseille. In der Euphorie werden außerordentliche Kräfte frei. Das gilt nicht nur für die Spieler der französischen Nationalelf, die im Halbfinale von Marseille gegen Deutschland über ihre Grenzen hinaus gingen und dafür mit dem Finaleinzug belohnt wurden. Nach dem 2:0-Sieg der Équipe tricolore kletterten zwei Fans auf das gut fünfzehn Meter hohe Denkmal in der Mitte des großen Brunnens am Place Castellane. Rundherum, am mehrspurigen Kreisverkehr an der Einfahrt zum Stadtzentrum, sangen und tanzten hunderte Fans. Umkreist von Autos, deren Mitfahrer sich so weit aus den Fenstern lehnten, dass sie schon mehr außer- als innerhalb der Autos waren. Niemand wollte aus diesem Feierzirkel abbiegen, die Polizisten blieben auf den Gehsteigen und filmten mit ihren Handys. Ein durchgehendes Hupen und Tröten hielt die ganze Stadt wach.

Nach dem Abpfiff entschieden sich die meisten Stadionbesucher gegen eine kurze Metrofahrt und für einen einstündigen Fußmarsch vom Stade Vélodrome ins Zentrum der zweitgrößten Stadt Frankreichs. Das lag nicht nur an der ausgeprägten Feierlaune, sondern auch an den Temperaturen, die selbst in der Nacht über 25 Grad lagen. Untertags hatte die Sonne die Metropole an der Südküste Frankreichs noch erbarmungslos aufgeheizt. Das Ziel der Fans war Vieux Port, der alte Hafen. Am Weg dorthin verwandelten die jubelnden Massen die normalerweise vielbefahrene Avenue du Prado in eine spontane Begegnungszone. Von Verkehrsberuhigung konnte dennoch keine Rede sein. Für Autos war zwar kein Platz mehr, dafür schlängelten sich die unzähligen Mopedfahrer zwischen den Fans hindurch. Auf den Rücksitzen spannten viele Fans die französische Nationalflagge über ihrem Kopf. Eine Handvoll Trommler gab den Takt für den spontanen Umzug in Richtung Altstadt vor. Die meisten deutschen Fans spazierten mit hängenden Köpfen nebenher. Die aufmunternden Worte der Franzosen, wonach die Deutschen doch immerhin noch amtierender Weltmeister seien, konnten die offensichtliche Enttäuschung über das Ausscheiden nicht lindern.

"On est en finale"

Am alten Hafen, wo am 12. Juni noch russische und englische Fans mit heftigen Ausschreitungen für einen negativen Höhepunkt der Euro sorgten, feierten die französischen Fans die ganze Nacht lang. Nach den ersten Frustbieren gesellten sich auch deutsche Anhänger dazu. Bis zu 15.000 deutsche Fans hatten sich auf den Weg nach Marseille gemacht. Die Überzeugung, ins Finale einzuziehen, war groß, und so haben viele Deutsche bereits ihr Ticket fürs Endspiel in Paris Saint-Denis erstanden. Doch dort werden am Sonntag die Franzosen antreten. "On est en finale", "wir sind im Finale", war der am öftesten wiederkehrende Gesang. Dort wartet nun Portugal. Dass die Gastgeber im Endspiel auf die Portugiesen treffen, ist überaus brisant. Denn in Frankreich gibt es eine große portugiesische Community mit mehr als einer Million Menschen. Ein Sprichwort lautet: "Die Hauptstadt ist Lissabon, dann kommt Paris."