Paris. So anziehend am Sonntag die Lichter des Stade de France für die zahlreichen Nachtfalter waren, so sehr ist es die Rue Oberkampf im elften Arrondissement jeden Tag für alle Nachtschwärmer. Auch unter der Woche zieht die lange Fortgehmeile mit ihren aneinandergereihten Bars und Restaurants Pariser und Touristen gleichermaßen an. Am Sonntag schlossen die meisten Lokale schon kurz nach Abpfiff, der Portugal mit 1:0 nach Verlängerung zum Europameister machte, und die enttäuschten französischen Fans zogen mit hängenden Köpfen davon. Auf manchen Gesichtern waren die aufgemalten französischen Nationalflaggen durch Tränen verwischt.

Die bedrückende Stimmung wurde nur dann aufgerüttelt, wenn feiernde Portugiesen hupend und ihre Fahnen schwenkend vorbeifuhren und ihr Land für den errungenen EM-Titel bejubelten. Auch am nächsten Morgen war die nationale Melancholie allgegenwärtig. In den Cafés bedauerte man einander gegenseitig beim Anblick der Tageszeitungen, die auf ihren Titelblättern entweder die portugiesische Nationalmannschaft mit dem EM-Pokal oder trauernde französische Fans zeigten. Nach dem Halbfinalsieg gegen Deutschland war das Land noch der Euphorie verfallen.

Die Aufräumarbeiten beginnen

Nach der EM wartet nun viel Arbeit auf die Organisatoren. Schon wenige Minuten nach dem Abpfiff des Finales wurde damit begonnen, die zusätzlichen Einrichtungen für Medien oder Einrichtungskontrollen außerhalb des Stadions wieder abzubauen. In einem herausfordernden, intensiven Monat wurden in zehn verschiedenen Stadien 51 Spiele ausgetragen, die von mehr als 2,4 Millionen Menschen besucht wurden. Rund 3,6 Millionen Zuschauer waren in den offiziellen Fan-Zonen in den verschiedenen Städten. Die Organisation eines solchen Großturniers bedeutet einen immensen Aufwand. Insgesamt gab es mehr als elf Millionen Ticketanfragen, die meisten davon aus Frankreich, Deutschland und England. Natürlich hat die Uefa die Europameisterschaft auch für Imagezwecke benützt. Die "Respect"- und "Fairplay"-Kampagnen waren ebenso allgegenwärtig wie die Bemühungen, glaubhaft zu machen, dass die Fans im Mittelpunkt des Fußballgeschehens stehen. Die Bestrebungen, die ramponierte Reputation des europäischen Fußballverbandes zu reparieren, werden dennoch von den Skandalen, im Speziellen rund um den im Zuge der Korruptionsermittlungen suspendierten französischen Uefa-Präsidenten Michel Platini, überschattet. Als nach der offiziellen Siegesfeier auf der Videoleinwand des Stadions "Merci pour tout Michel!" eingeblendet wurde, gab es von den Zuschauern im Stade de France ein gellendes Pfeifkonzert. Die Uefa aber steht zu ihrem umstrittenen Chef. Schon bei der abschließenden Pressekonferenz zwei Tage vor dem Finale hatte der Uefa-Vizepräsident Ángel María Villar Llona seine Rede mit einem besonderen Dankeschön an Platini beendet. Es sei die Euro von Platini gewesen, er könne darauf sehr stolz sein, und die Franzosen würden das zu schätzen wissen, meinte der Spanier.

Höherer Gewinn als 2012

Die Uefa wird sich über ihre Imageprobleme mit dem saftigen Gewinn hinwegtrösten. Ausgaben von 1,1 Milliarden Euro stehen Einnahmen von 1,93 Milliarden Euro gegenüber. Damit hat die Uefa um 34 Prozent mehr eingenommen als bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine und darf sich über einen Profit von 830 Millionen Euro freuen. Dass von den Einnahmen kein Cent Mehrwertsteuer an Frankreich gezahlt werden muss, dürfte die Freude noch erhöhen. Der ehemalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, bei der Bewerbung für die EM noch im Amt, hat diese Forderung der Uefa nachgegeben.

Von den 830 Millionen Euro Gewinn schüttet die Uefa 600 Millionen an ihre 55 Mitgliederverbände aus. Die restlichen 230 Millionen werden für organisatorische Kosten bis 2020 veranschlagt. Die größten Einnahmen konnte die Uefa aus dem Verkauf der TV-Rechte erzielen. 1,1 Milliarden Euro waren diese den mehr als 130 Fernsehanstalten wert. Die EM-Spiele waren in mehr als 230 Ländern der Welt zu sehen. Im Durchschnitt sahen über 130 Millionen Menschen die Matches. Die Übertragung des Viertelfinalspiels England gegen Island hatte im isländischen Fernsehen einen Marktanteil von 99,8 Prozent. Nur 298 Isländer schauten währenddessen ein anderes Programm.

Keine größeren Zwischenfälle

Vor EM-Beginn war die Angst vor neuerlichen Terroranschlägen groß. Im Zeitraum der Euro ist es zu keinem Terroralarm gekommen. Unsicher fühlte man sich am ehesten, wenn man die schwerbewaffneten Polizisten und Soldaten gesehen hat, die ihre Sturmgewehre im Anschlag vor sich her getragen haben. Dann war die Anspannung spürbar und stand einigen Fans vor Betreten des Stadions ins Gesicht geschrieben. Auf den öffentlichen Plätzen, in den Straßen und in den Cafés schien die Angst vor terroristischen Attacken dagegen nicht präsent. Die Pariser lassen sich ihre Freiheiten nicht gerne nehmen. Gerade in der ersten Turnierwoche hatten die Sicherheitsbeamten vorwiegend mit gewaltbereiten Anhängern zu tun. In Marseille hatten einander englische und russische Hooligans Straßenschlachten geliefert, deutsche Neonazis hatten in Lille Jagd auf ukrainische Fans gemacht, und auch in Nizza hatte es Prügeleien zwischen einheimischen Jugendlichen und nordirischen Fans gegeben. Im Stade Véledrome von Marseille hatten nach Spielende russische Fans den Sektor der Engländer gestürmt. Bald wurden Vorwürfe laut, wonach sich das Sicherheitskonzept zu sehr auf Terrorbekämpfung konzentriert habe. Die Uefa spricht in ihrer offiziellen Analyse dennoch von keinen "größeren Zwischenfällen" in den Stadien, sondern von drei "schnell kontrollierten Störungen" bei den Spielen zwischen England und Russland, Tschechien gegen Kroatien (kroatische Fans warfen Bengalen auf das Spielfeld) und Island gegen Ungarn (Schlägerei im ungarischen Sektor). Die Uefa hält ebenso fest, dass die Suspendierung auf Bewährung für Russland einen positiven Effekt gehabt habe. Die immer wiederkehrenden bengalischen Feuer sieht die Uefa als schlichtweg "schwer zu verhindern" an, da diese zwischen zwei und sechs Zentimeter groß seien und dadurch leicht ins Stadion geschmuggelt werden könnten.

Die Abwicklung des Turniers wäre ohne den Einsatz von mehr als 6500 Freiwilligen aus 135 verschiedenen Ländern nicht möglich gewesen. Sie übernahmen Auf- und Abbauarbeiten, betreuten Zuschauer, VIPs und Medien und halfen den Fans bei Orientierungsschwierigkeiten. Alleine bei Spielen im Stade de France waren jeweils 1000 Freiwillige im Einsatz. Sportlich betrachtet wird die EM in Frankreich nicht als denkwürdiges Turnier in die Geschichte eingehen. Dazu gab es zu wenige spektakuläre und zu wenige Tore. Was die Organisation betrifft, dürften die Verantwortlichen jedenfalls zufrieden sein.