Wien. (rel) Für ÖFB-Präsident Leo Windtner war die EM 2016 "eine Riesenenttäuschung", Sportdirekter Willibald Ruttensteiner sprach von einem Großturnier "mit Rucksack", und Trainer Marcel Koller resümierte: "Wir haben nicht erreicht, was wir uns vorgenommen haben." Was aber waren die Gründe, die zum schlechten Abschneiden des Teams in Frankreich beigetragen haben? Zu dieser Frage standen die ÖFB-Spitzen am Freitag Rede und Antwort. Die "Wiener Zeitung" hat das Resultat der Analyse zusammengefasst:

Verfassung: Für Ruttensteiner war die Fitness einiger Spieler im Vorfeld der EM ein mitentscheidender Grund für das Vorrunden-Aus. "Koller hat das in Frankreich nie zum Thema gemacht. Aber in Summe haben acht Spieler Probleme ins Teamcamp mitgebracht", sagte er. Demnach seien wichtige Spieler wie Aleksandar Dragovic (Knöchelschwellung) oder Marc Janko (sechs Wochen ohne Spieleinsatz) mit physischen und mentalen Problemen ins Trainingslager gekommen. Hinzu kamen Kicker, die mit ihren Vereinen abgestiegen sind oder wenig Spielpraxis (Martin Hinteregger) hatten, sagte der Sportdirektor. Aus diesen Gründen sei der Kader - mit dem einen oder anderen Neuling - nicht in Bestform gewesen.

Spiel: Was die spielerische Leistung der Nationalelf betrifft, fiel das Urteil des Coachs ähnlich klar aus. "Wir hatten wenig Ballzirkulation über längere Spielphasen, vergaben Chancen in entscheidenden Spielsituationen und hatten fehlende Qualität, Konzentration und Präzision bei Pässen auf dem gesamten Spielfeld", betonte Koller. Außerdem ortete er zu wenig Selbstvertrauen und Selbstverständnis im Spielaufbau. Das Pressing habe speziell gegen Ungarn nicht so funktioniert wie in der vorangegangenen Qualifikation. "Da haben wir vielleicht mit der Handbremse gespielt", vermutete der Trainer. Auch habe gegen Island das Glück gefehlt.

Erwartungshaltung: Präsident Windtner wiederum hob die hohe Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit als Malus hervor. "Tatsache ist, dass der Hype zu einer gewissen Last geworden ist", meinte er mit Blick auf die beeindruckende Bilanz der Österreicher bei der EM-Qualifikation. Während Marko Arnautovic und Co. bereits zu Helden erhoben wurden, sei das bei den Gruppengegnern Ungarn und Island ganz anders gewesen. Folglich seien die Spieler unter einem enormen Stress gestanden, was sich wiederum auf die Konzentration ausgewirkt habe. "Vielleicht sind wir dem nicht mit aller Klarheit entgegengetreten", sagte der ÖFB-Boss selbstkritisch.

Organisation: Selbstkritik übte Ruttensteiner auch zuletzt im Zusammenhang mit der schlechten Organisation der Heimreise vom Portugalspiel. Dass die Kicker wegen Verkehrsstau und einer Flugverspätung erst spätnachts ins Teamquartier einrücken konnten, hätte nicht passieren dürfen.