Wien. (rel/apa) Da sage noch einer, dass Fußball nicht völkerverbindend ist. Sichtbar wird das beispielsweise in der Balkanrepublik Moldawien, die zwar seit 1991 in zwei Staaten - die Republik Moldau auf der einen und die abtrünnige, russischsprachige Provinz Transnistrien auf der anderen Seite - geteilt ist, aber beim Kicken trotz politischer Streitereien sehr wohl an einem Strang zieht. So wird die nationale Meisterschaft über die Ufer des Dnjestr hinweg mit Klubs beider Länder ausgespielt, genauso finden sich in der moldawischen Nationalelf Fußballer transnistrischer beziehungsweise russischer Herkunft.

Dass diese bei der laufenden WM-Qualifikation das blaue Dress des Erzfeindes tragen, scheint in der kommunistischen Exklave niemanden zu stören, wobei der Grund rasch erklärt ist: Transnistrien ist völkerrechtlich nicht anerkannt und damit auch international nicht spielberechtigt. Gleichzeitig ist Moldawiens Nationalmannschaft auf die Kicker - immerhin gehört ein Fünftel des Kaders der russischen Minderheit an - angewiesen, um international reüssieren zu können. Eine Hand wäscht also die andere.

Und dennoch kann man nicht behaupten, dass es sich bei diesem Nationenmix um einen sonderlich gefährlichen Gegner handelt. Das gilt auch für die aktuell laufende WM-Qualifikation, bei der die Balkanrepublik in Österreichs Gruppe D mit einem Punkt aus vier Spielen auf dem letzten Tabellenplatz liegt. Allein ein angenehmer Gegner ist die Nummer 162 der Welt beim Qualifikationsspiel gegen Österreich am Freitag (20.45 Uhr) in Wien trotzdem keiner. Immerhin drei Spiele in Serie sind die Moldawier zuletzt ungeschlagen geblieben. Und unter dem seit 2016 agierenden Teamchef Igor Dobrowolskij haben sie nicht nur Verteidigen im Sinn.

Dobrowolskij hatte die Kicker aus Europas Armenhaus zu Beginn des Vorjahres übernommen. Es ist seine zweite Amtszeit. Der frühere sowjetische und russische Nationalspieler und Fußballer des Jahres in der Sowjetunion (1990) setzt nicht nur auf eine kompakte Defensive, sondern versucht auch nach vorne Nadelstiche zu setzen - mitunter sogar durch Pressingsituationen. In der Qualifikation war das bisher noch nicht von Erfolg gekrönt. Nach klaren Niederlagen in Wales (0:4), gegen Serbien (0:3) und Irland (1:3) gab es in Georgien zumindest ein 1:1. Danach folgten Testspiele in Katar (1:1) und San Marino (2:0). "Die Mentalität zu ändern, ist kein einfacher Prozess", meinte Dobrowolskij. Seine Spieler müssten sich was zutrauen. "Dann werden wir Ergebnisse bekommen."

Weswegen sich die Moldawier auch im Ernst-Happel-Stadion vor dem ÖFB-Team gewiss nicht verstecken werden. "Es braucht lange, um gewisse Dinge umzusetzen, das ist nicht einfach", meinte Dobrowolskij. Unter seinem Vorgänger Alexandru Kurteyan verloren die Moldawier in der EM-Qualifikation für Frankreich 2016 gegen Österreich zweimal knapp (1:2 und 0:1). "Wenn die Spieler Selbstvertrauen haben, ist alles einfacher", erklärte Dobrowolskij. Seine Schlüsselkräfte sind Kapitän und Abwehrchef Alexandru Epureanu von Istanbul Başakşehir sowie der zentrale Mittelfeldmann Artur Ionita, Stammspieler in der italienischen Serie A bei Cagliari. Im Tor könnte nach dem verletzungsbedingten Ausscheiden von Ilie Cebanu Sheriff-Goalie Alexei Coselev zum Zug kommen.

Noch nie bei Endrunde dabei

Die Republik Moldau hat sich bisher noch nie für ein großes Turnier qualifiziert. In der ersten Amtszeit von Dobrowolskij (2007 bis 2009) machten die Kicker aus dem Drei-Millionen-Einwohner-Land zwischen der Ukraine und Rumänien aber mit Siegen in Bosnien (1:0) und gegen Ungarn (3:0) auf sich aufmerksam. Dazu kamen Remis gegen die Türkei und Griechenland sowie 2013 in Polen und 2014 in Russland (alle 1:1). Daran will man nun anschließen. Und so werden wohl auch im abtrünnigen Transnistrien am Freitag alle Augen auf die TV-Schirme gerichtet sein.