Madrid. (klh) Dass es einen Abschied von der internationalen Bühne ganz bestimmt geben würde, das stand schon vor dem Champions-League-Semifinale zwischen Atlético und Real Madrid fest: Atléticos Heimstätte, das Estadio Vicente Calderón, in dem die Fans des Arbeiterklubs 50 Jahre lang ihre Feste feierten und ihre Tränen vergossen, hat ausgedient. Der Verein wird in eine dieser modernen Arenen ziehen.

Bei seiner internationalen Abschiedsvorstellung bebte das Calderón noch einmal so richtig. Angepeitscht von einem lautstarken, frenetischen Publikum wollte Atlético den Stadtrivalen von Beginn an mit Haut und Haar fressen, um das Unmögliche zu schaffen und die 0:3-Niederlage aus dem Hinspiel wieder wettzumachen. Das Team von Diego Simeone machte von Anfang an Druck nach vorne und begegnete der Gefahr von Kontern mit enorm viel Laufarbeit, und indem es sich - auch mit viel Härte - in einen Zweikampf nach dem anderen warf. Tatsächlich: Real wankte, und Real wankte sehr schnell.

Die Defensive des Titelverteidigers kam nämlich mit Atléticos Anfangsfurioso überhaupt nicht zurecht, wirkte in den ersten Minuten überrascht und überfordert. Bereits in der 12. Minute erzielte Atlético das 1:0. Saúl Ñíguez köpfte den Ball nach einem Eckball ins Netz. Und dann, in der 16. Minute wurde es gleich noch einmal ganz, ganz laut im Calderón. Denn die Heimischen bekamen einen Elfmeter zugesprochen, den Antione Griezman, wenn auch etwas glücklich, verwertete.

Das zweite Tor änderte den Charakter des Spiels ein wenig. Atlético muste nun nicht mehr so drängen (ein derartiges Sprint- und Laufpensum wäre über 90 Minuten auch nicht durchzuhalten gewesen), konnte nun selbst, da es nur noch ein Tor brauchte, geduldiger agieren. Das hatte zur Folge, dass Real ein paar Spielanteile mehr hatte, allerdings ohne richtig viel Druck auszuüben. Real ist aber auch dann gefährlich, wenn es nicht so aussieht - und zwar wegen seiner individuellen Klasse, die nicht nur der an diesem Abend eher blasse Cristiano Ronaldo besitzt.

Entscheidender Vorstoß


von Benzema


In der 42. Minute schlug diese Klasse durch. Karim Benzema ließ bei einem Kraft- und Dribbelakt drei gegnerische Verteidiger stehen, legte auf Toni Kroos ab. Dessen Schuss konnte Goalie Jan Oblak zwar mit einer Glanztat parieren. Das nützte aber nichts: Isco verwertete den Nachschuss zum 1:2 (womit Real übrigens im 61. Spiel in Folge zumindest ein Tor erzielt und einen Rekord von Bayern München vorerst zumindest eingestellt hat).

Damit endete die erste Hälfte, die ebenso viel Härte (auch Real kann heftige Zweikämpfe) wie großes fußballerisches Können bot, mit einem Tiefschlag für die Hausherren.

Auch in der zweiten Hälfte war zu sehen, dass dieser Treffer Atlético doch etwas den Zahn gezogen hatte. Die Heimmannschaft rackerte zwar noch, doch das Momentum war verloren gegangen - und nachdem in der 65. Minute, als wieder einmal ein Angriff gut gelang, Real-Goalie Keylor Navas bei einer Doppelchance der Hausherren großartig reagierte, fand man es auch nicht wieder.

Real wiederum war sich seiner Sache nun wesentlich sicherer, ließ den Ball geschickt laufen, erspielte sich auch die eine oder andere Möglichkeit (außerdem hätte es nach einem Einsteigen gegen Benzema Elfer geben können) und brachte das Ergebnis über die Zeit.

Atlético hat dem Stadtrivalen noch einmal alles abverlangt. Real ist gewankt, und das ordentlich, aber nicht gefallen. Damit fehlt dem Team von Zinédine Zidane nur noch ein Schritt zur erfolgreichen Titelverteidigung.

Die Königlichen treffen


auf die alte Dame


Im Finale bekommen es die spanischen Königlichen, mit Juventus, der alten italienischen Dame, zu tun. Damit treffen die Spektakelfußballer aus Madrid auf das Turiner Bollwerk, das Endspiel ist auch ein Aufeinanderprallen zweier Fußballphilosophien.

Juventus ist jedenfalls bereits hochmotiviert. "Das Finale war nicht unser Ziel, das bedeutet nichts, wir wollen gewinnen", verkündete Torwart Gianluigi Buffon. Das wird bei Real nicht anders sein. Auch ein Ronaldo ist nicht dafür bekannt, dass er gerne verliert oder auf Titel verzichtet.