London. (art) In den vergangenen Monaten war er, über lange Zeit die prägende Figur beim FC Chelsea, in die zweite Reihe zurückgedrängt worden. Unter Trainer Antonio Conte war John Terry nur noch Reservist, immerhin ist der Innenverteidiger auch schon 36 Jahre alt. Doch am Montagabend durfte er wieder einmal in eine Hauptrolle schlüpfen, und der Anlass hätte nicht besser sein können: Chelsea präsentierte sich den eigenen Fans an der Stamford Bridge als frisch gekürter Meister, nach dem am Freitag auswärts bei West Bromwich fixierten Titel geriet die Ligapartie gegen Watford zur großen Feier in Blau. Weil der Meisterschaftserfolg schon feststand und Conte viele Stammspieler schonte, stand Terry erstmals seit Februar in einem Pflichtspiel von Beginn an auf dem Platz, in der Liga war ihm diese Ehre zuletzt im September zuteil geworden.

Und Terry nützte die Gelegenheit, um die ersten Ausrufezeichen zu setzen: In der 22. Minute schoss er seinen Verein in Führung, zwei Minuten später ermöglichte er durch einen Fehler den Ausgleich. Am Ende ging für Chelsea aber alles gut, mit einem 4:3 besiegte man den Außenseiter (bei dem Sebastian Prödl in der Nachspielzeit Gelb-Rot sah). Damit hat Terry in 17 aufeinanderfolgenden Saisonen jeweils mindestens ein Tor für Chelsea erzielt.

Doch es könnte auch schon sein letzter Auftritt in jenem Stadion gewesen sein, das ihm mehr als zwei Jahrzehnte als Heimat gedient hat. Am Sonntag steht zwar noch das letzte Liga-Heimspiel gegen Sunderland auf dem Programm, doch dass Terry auch dort noch zum Einsatz kommen wird, ist fraglich. Immerhin aber wird er die Meisterschaftstrophäe stemmen, zum fünften und letzten Mal in seiner Karriere. Dass er den Verein nach dieser Saison verlassen wird, steht seit April fest, ob er woanders weiterspielt, ist offen. Ein Weggang nach China, in die USA oder in den arabischen Raum stand zuletzt im Raum, nun sagte Terry: "Ich habe nicht ausgeschlossen, dass ich zurücktrete." Denn die Dramaturgie für einen stilvollen Abschied wäre perfekt: "Hätte ich meine Geschichte schreiben können, wäre es genau darauf hinausgelaufen - als gekrönter Champion zu gehen, den Klub in dem Wissen zu verlassen, dass er in den besten Händen ist mit diesem Trainer, diesem Eigentümer und den Spielern, die wir haben."

Dennoch verliert Chelsea damit einen Teil seiner DNA: Schon mit 14 Jahren schloss sich der im Osten Londons aufgewachsene Terry der Jugendabteilung jenes Klubs an, den er nur im Jahr 2000 für ein dreimonatiges Leihengagement bei Nottingham Forest zwecks Sammelns von Spielpraxis verlassen hatte. Davor und danach hatte er nie für einen anderen Verein gespielt.

Höhen und Tiefen


Obwohl der Anfang seit seinem Profidebüt im Oktober 1998 bis zu seiner Rückkehr an die Stamford Bridge nicht ganz nach Wunsch verlaufen war, wurde er schon früh zur Identifikationsfigur, weil er nur einer von wenigen war, die es aus der eigenen Nachwuchsabteilung ganz an die Spitze geschafft hatten. Und kaum jemand erfüllte die Rolle besser als er, seine Vereinstreue ist legendär, und als in der 2003 eingeläuteten Ära Roman Abramowitsch Starspieler wie Trainer kamen und gingen, blieb er immer noch.

Dabei verlief Terrys Laufbahn nicht immer glücklich: Er war in Schlägereien und einen Rassismuseklat verwickelt - aber freigesprochen worden. Und als Chelsea im gewonnenen Champions-League-Finale gegen den FC Bayern 2012 seinen größten Moment erlebte, stand er ebensowenig auf dem Platz wie ein Jahr später, als die Blues in der Europa League triumphierten. Für ersteres war er gesperrt, 2013 mit einer Verletzung außer Gefecht.

Doch John Terry musste gar nicht spielen, um präsent zu sein, auch zuletzt nicht, als es nach außen hin mangels Einsätzen ruhiger um ihn wurde. "Er ist eine großartige Persönlichkeit. Er hat mir in meinem ersten Jahr sehr geholfen. Er hat eine fantastische Rolle auf dem Platz und abseits davon", sagte Trainer Conte, der ihm durchaus noch eine Zukunft im Fußball zutraut. "Gegen Watford hat er gezeigt, dass er noch spielen kann." Bis zu einer definitiven Entscheidung über seine persönliche Zukunft wird aber noch einmal groß gefeiert. Gewinnen die Blues auch am Sonntag, wäre es ihr 30. Ligasieg in einer Saison und damit Premier-League-Rekord, zudem können sie eine Woche darauf im Finale gegen den FC Arsenal auch den FA-Cup gewinnen. John Terry wird dabei sein - wenn auch wohl nur noch als Edelmaskottchen.