Cardiff/Turin/Madrid. Das Champions-League-Finale 2016/17 war eines, an das man sich noch lange erinnern wird - nicht so sehr weil Real Madrid und Juventus Turin ein höchstklassiges Spiel geboten haben, das mit 4:1 für Real endete, nicht so sehr, weil die Madrilenen damit den vermeintlichen Fluch des Titelverteidigers vertrieben haben, nicht so sehr, weil Cristiano Ronaldo sich zum ersten Spieler krönte, der in drei Champions-League-Endspielen Tore erzielt hat, und auch nicht so sehr, weil die Geschichte von Gigi Buffon, dem Star-Torhüter, der im Alter von 39 Jahren die Trophäe stemmen wollte, vorerst ein unglückliches Ende nahm. Denn wie Recht Juve-Trainer Max Allegri hatte, als er in der ersten Enttäuschung sagte, Fußball könne manchmal "ein Alptraum" sein, sollte er selbst erst später erfahren. Das eigentliche Drama spielte sich nämlich nicht in Cardiff ab, sondern mehr als 1000 Kilometer südöstlich in der Turiner Heimat: Bei einer Massenpanik während eines Public Viewing auf der Piazza San Carlo wurden 1500 Menschen verletzt, einige, darunter kleine Kinder schwer. Noch am Tag darauf glich der zentrale Platz, auf dem sich 30.000 Zuschauer versammelt hatten, einem Schlachtfeld - die Ursachenforschung wird wohl länger dauern als die Aufräumarbeiten.

"Und es wird zur Katastrophe"


Zwei Tage danach mischte sich in das Entsetzen zunehmend Kritik an den Behörden: Der Kommune wird vor allem vorgeworfen, dass Glasflaschen auf dem Platz verkauft oder mitgebracht wurden. Viele der Opfer erlitten Schnittverletzungen. "Sehr viele Verletzte haben sich an Glas geschnitten, und das hätte leicht vermieden werden können", sagte der Gesundheitsbeauftragte der Region Piemont, Antonio Saitta. Die Kommune erklärte, es werde untersucht, ob und warum Schwarzhändler Flaschen verkauften und wer dafür verantwortlich sei. Die Kritik richtete sich auch gegen Bürgermeisterin Chiara Appendino, weil das Sicherheitskonzept mangelhaft gewesen sei.

Zeitgleich wird nach möglichen Verursachern gesucht. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob ein Knallkörper gezündet worden war und die Leute danach die Flucht ergriffen haben. Medien berichteten von umgefallenen Absperrgittern und Menschen, die "Bombe" gerufen hätten. Die Masse sei von einer "Angstpsychose" vor einem Terrorangriff ergriffen gewesen, heißt es in einer Mitteilung der Präfektur Turin. Fans berichteten indessen von Planlosigkeit und versperrten Fluchtwegen. Der gesamte Platz war mit Glasscherben und Schuhen übersät. Das Innenministerium in Rom will als Konsequenz die Sicherheitskonzepte für die in diesem Sommer geplanten Veranstaltungen adaptieren.

Jubel beim Empfang


Aus dem Bereich des Fußballs kamen umgehend Solidaritätsbekundungen. Der Trainer der italienischen Nationalmannschaft, Giampiero Ventura, sprach von einem "dramatischen Ereignis": "Es reicht ein Nichts, und ein Feuerwerkskörper wird zur Bombe, eine Bombe wird zum Attentat, und es wird zur Katastrophe", zitierte ihn die Nachrichtenagentur ADN Kronos. Auch der Präsident von Juventus Turin, Andrea Agnelli, drückte den Verletzten seine Betroffenheit aus. Dennoch ließen sich die Fans und die Mannschaft einen großen Empfang nicht nehmen: Trotz der Niederlage und der Ereignisse am Abend gab es am Sonntag in Turin viel Jubel für Buffon und Co.

Auch in Madrid kam es bei der Ankunft von Ronaldo und Co. zu keinen nennenswerten Zwischenfällen: Die Mannschaft hat den Triumph am Sonntagabend mit Zehntausenden Fans im Zentrum der spanischen Hauptstadt gefeiert. Den Tausenden, die sich auch vor dem Rathaus auf dem Platz Puerta del Sol versammelt hatten, präsentierte Kapitän Sergio Ramos den 7,5 Kilogramm schweren Henkelpokal. "Wir haben versprochen, dass wir wiederkommen würden, und hier sind wird. Hoffentlich geht das auch die nächsten Jahre so weiter", rief der 31-Jährige.