Wien. "Es tut mir um jeden leid, der Elfmeterschießen muss", meint Brigitte und fasst sich an den Kopf. Eben hat die Schiedsrichterin das torlose EM-Halbfinale zwischen Österreich und Dänemark abgepfiffen und auf den Strafpunkt gezeigt. Auf den Tribünen vor dem Wiener Rathaus, wo die Stadt am Donnerstagabend zum Public Viewing eingeladen hatte, brandet Applaus auf. Auch Brigitte applaudiert. "Dabei habe ich gehofft, dass es nicht so weit kommen wird", sagt sie zu ihrem Sohn, der mit ihr so wie hunderte andere Fans 120 Minuten lang stehend ausgeharrt war.

Denn Sitzplätze gab es zu dem Zeitpunkt, kaum dass sich der anstehende Elfer-Krimi bis in den letzten Biergarten durchgesprochen hat, keine mehr. Bis zum Ring sowie auf den Seitenflächen drängten sich die Menschen, um vielleicht die Wiederholung jenes Wunders mitzuerleben, mit dem das Team schon in der Gruppenphase sowie im Viertelfinale für Furore gesorgt hat. Brigittes Blick gleitet über die Menge. Dass der Einladung zum Public Viewing nicht nur ein paar hundert, sondern tausende Fans gefolgt sind, hat sie nicht erwartet. Ebenso wenig den bunten Mix, der den Weg in die Innenstadt gefunden hat. Herren im Anzug, junge Mädchen in Shorts, beleibte Männer mit Tattoos, Dutzende Familien sowie auch der eine oder andere Tourist.

Kurz nach Spielbeginn hat auch Bundespräsident Alexander van der Bellen in der VIP-Lounge Platz genommen, wenn auch mit dem Handicap, wegen einiger Fotografen und Selfie-Jäger dem Halbfinale nur bedingt folgen zu können. Die diensthabenden Beamten mit dem Aufnäher "Bereitschaftseinheit", die in der Nähe Aufstellung genommen haben, schreiten nicht ein. Der Politiker würde es auch nicht wollen. Als dann während des Spiels einmal Wolken die Sonne verdecken und es kurz zu regnen beginnt, ist ihnen die Erleichterung anzusehen. Von den Fans wollen deswegen nur die wenigsten ihre mühsam eroberten Plätze verlassen.

"Das macht das Ganze
ja erst interessant"

Neben den Polizisten wartet Florian aus Oberösterreich auf einen Freund. Auf die Frage, was er vom Frauen-Fußball halte, antwortet er: "Das macht das Ganze doch erst interessant." Nicht nur würden die Damen fairer spielen als die Männer, sondern auch mehr gewinnen - und das, obwohl viele von ihnen studieren und arbeiten. "Ich finde es schön, wenn die Frauen einmal im Mittelpunkt stehen", sagt der Jus-Student.

Mit dieser Meinung ist Florian an diesem Abend nicht allein - von zwei Scherzbolden abgesehen, die nur einem Lendenschurz bekleidet vor die Leinwand laufen und kurz die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Bei den Zuschauern sorgt das für Gelächter, so wie auch das eine oder andere Übertragungsproblem. Als einmal auf dem Schirm die Nachricht "Soll der Receiver in den Standby-Modus umschalten?" auftaucht und ein Zähler die noch verbleibenden Sekunden anzeigt, stimmt die Menge spontan in den Countdown ein. Als sich dann die Leinwand verdunkelt, brandet Applaus auf. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Viel zu lachen hatte an dem Abend auch Melanie in ihrem Eisstand bei der Straßenbahnstation D. Das Geschäft geht gut. Zwar interessiere sie sich nicht für Fußball, dass aber der Rathausplatz wegen eines Frauen-Spiels von den Fans regelrecht gestürmt werden würde, habe sie so nicht geglaubt. Ähnlich sieht das auch Manfred. "Ich habe schon gehofft, dass die Ladies gewinnen", sagt der Mann, der extra aus dem Seewinkel angereist ist, nach dem 0:3-Endstand. Als klassischen Anhänger der Frauen-Nationalmannschaft möchte er, an dem die Gruppenphase noch spurlos vorübergegangen war, sich dennoch nicht bezeichnen. "Ich fahre immer zu den Matches der Männer, letztens waren wir beim Spiel in Irland dabei", erzählt Manfred, gibt aber zu, dass ihn das ÖFB-Frauenteam und die "tolle Stimmung" am Rathausplatz sehr beeindrucken.

Beeindruckt ist auch Brigitte. Als sich beim Elferschießen die Niederlage abzeichnet, lässt sie ihren Emotionen freien Lauf. Aber nur kurz. Denn die Frauen hätten sich super geschlagen und mehr erreicht, als sie sich erträumt hätten, meint sie. Ihr Sohn nickt. Sein Blick ist auf das Smartphone gerichtet, wo er eben die neuesten Sportnachrichten abgerufen hat. Brigitte überfliegt die Schlagzeile. Dass der brasilianische Fußballer Neymar für 222 Millionen Euro nach Paris wechselt, macht die 42-Jährige sprachlos. "Ein Wahnsinn, was da alles geht", japst sie. Das konnte man an diesem Abend auch vom österreichischen Frauen-Fußball behaupten.