Ryan Giggs blickt als Teamchef einer ungewissen Zukunft entgegen. - © afp
Ryan Giggs blickt als Teamchef einer ungewissen Zukunft entgegen. - © afp

Nanning. Er war eines der prägenden Gesichter in den Anfangsstunden der 1992 gegründeten Premier League, als der britische Fußball gerade darum kämpfte, sich vom Hooligan-Image zu befreien und Botschafter dringend nötig hatte. Er flitzte den Flügel auf und ab wie ein "Cockerspaniel, der einem Silberpapier im Wind nachjagt" (Ex-Trainer Alex Ferguson). Später dann, auch in reiferen Jahren noch, verteilte der "Welsh Wizard" die Bälle im Mittelfeld mit einer Präzision und Eleganz, die ihresgleichen suchte. Und er wurde in 24 Jahren als Spieler bei Manchester United zu einem Sinnbild für Vereinstreue, die im modernen Fußball kaum noch vorstellbar scheint. Ryan Giggs, heute 44 Jahre alt, war eine der prägenden Figuren des Insel-Kicks der vergangenen Jahrzehnte. Heute, Donnerstag, gibt er im fernen China sein Debüt als Trainer der walisischen Nationalmannschaft. Beim China Cup trifft Wales zunächst auf den Gastgeber.

Dabei war man - Ikone hin oder her - in seiner Heimat Wales gar nicht immer gut auf Giggs zu sprechen. Zwar wäre es für den Mann aus Cardiff, der schon in jungen Jahren mit der Familie nach Manchester gezogen war, nicht in Frage gekommen, anstelle des Trikots der Drachen jenes der englischen Three Lions zu tragen. Doch oftmals blieb er (Freundschafts-)Spielen fern, bisweilen kritisierte er die Rahmenbedingungen im walisischen Verband, die nicht vergleichbar mit jenen des großen Manchester United gewesen seien. Und auch als Giggs im Jänner als walisischer Teamchef und Nachfolger von Chris Coleman vorgestellt worden war, hatte es Skepsis gegeben. Immerhin verfügt er kaum über Erfahrung als Cheftrainer. In den letzten Jahren seiner 2014 beendeten Spielerkarriere bei United half er im Coaching mit, nach der Ära Ferguson und der Demission dessen glücklosen Nachfolgers David Moyes (2014) übernahm er interimistisch die Betreuung der Mannschaft. Unter Louis van Gaal amtierte er als Co-Trainer, ehe im Sommer 2016 die große Enttäuschung folgte. Während Giggs sich ebenso wie manche Fans schon als kommender Cheftrainer sah, entschied sich die Klubführung, in José Mourinho einen erfahreneren Mann an die Seitenlinie ins Old Trafford zu holen. Im Theater der Träume, auf dessen Bühne Giggs als Spieler eine Hauptrolle eingenommen hatte, zerplatzte schließlich sein eigener Traum. Er habe psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, um diese Enttäuschung zu überwinden, sagt Giggs heute. Doch als Wales im November mit dem Verpassen der WM-Qualifikation dasselbe Schicksal wie Gruppengegner Österreich ereilte, Coleman zurücktrat und später der Anruf des walisischen Verbandes kam, war der Frust endgültig abgeschüttelt. "Enorm stolz" sei er und "aufgeregt", sagte Giggs bei seiner Bestellung. "Ich brenne darauf, wieder in den Fußball zurückzukehren. Es ist das, wo ich mich wohlfühle und wo ich hingehöre."

Dass seine Bestellung auch Kritik auslöse, sei ihm bewusst. "Der beste Weg, dagegen anzukämpfen, ist mit Siegen. Ich weiß, dass immer gesagt wird, ein guter Spieler muss nicht zwingendermaßen auch ein guter Trainer sein. Aber ich denke, es kommt auf die Persönlichkeit an. Ich werde das tun, was ich als Spieler gemacht habe: professionell sein, alles geben und es genießen."

Doch die Fußstapfen, in die der Teamchef-Novize tritt, sind groß: Sein Vorvorgänger Gary Speed war eine der anerkanntesten Persönlichkeiten Wales’, nach dessen Suizid im Jahr 2011 übernahm Coleman das Traineramt und führte die Mannschaft trotz des kollektiven Schocks und der Trauer zur erstmaligen Teilnahme an einer Europameisterschaft, bei der man 2016 einen Sensationslauf bis ins Halbfinale hinlegte. Spieler wie - natürlich - Real-Madrid-Star Gareth Bale, aber auch Ashley Williams und der in China fehlende Aaron Ramsey begeisterten dabei mit ihrem Kampf, ihrer Leidenschaft, aber auch ihrer taktischen Flexibilität ganz Europa.

Es sind Attribute, wie sie auch Ryan Giggs als Spieler stets für sich in Anspruch nahm. Nur eines ist neu für ihn, sagt er: "Als Spieler ist man in gewisser Weise egoistisch. Man vergewissert sich einfach, dass man seine Aufgabe im Team ordentlich erledigt. Als Trainer hast du so viele Dinge zu bedenken, die dir im Kopf herumspuken. Dinge wie: Hast du etwas vergessen? Was kann man verbessern? Ich bin viel nervöser, als ich es als Spieler war." Aller Anfang freilich ist schwer. Selbst für einen, von dem man glauben könnte, er hätte schon alles erlebt.